Kampf um die Kunst
Die drei Künstlerfiguren, um die herum sich nacheinander die Kulturkämpfe von Thomas Melles «Ode» entfalten, sind eines schon mal nicht oder zumindest nicht in reinster Form: weiße, heterosexuelle Normalmänner aus dem Bürgertum. Die Konzeptkünstlerin und Direktorin der Kunstakademie Anne Fratzer, die die Öffentlichkeit mit einer unsichtbaren Luft-Skulptur unter dem Titel «Ode an die alten Täter» brüskiert und sich später das Leben nimmt, entstammt einem Gewaltverbrechen und lebt in einer lesbischen Partnerschaft.
Der politisch links stehende Theatermacher Orlando, der fünf Jahre später an sie erinnern will, ist Sohn einer migrantischen Putzfrau und war einmal Unterschicht. Noch einmal Jahre später hat die geschlechtlich non-binäre Performer*in Präzisa ihren abschließenden Auftritt. Sie alle haben bei genauerer Betrachtung mindestens eine lindenblattartige Markierung, die sie verletzlich und potenziell diskriminierbar macht, aus der sie aber auch ihre künstlerische Kraft und Fantasie beziehen.
Einen nach der anderen schickt Thomas Melle in eine wortgewandte Schlacht um die Freiheit der Kunst. An ihr sägen in «Ode» zwei Gruppen, die jeweils unbenannte Stimmen bündeln: Zum einen ...
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Theater heute Februar 2020
Rubrik: Neue Stücke, Seite 27
von Eva Behrendt
Anfang Dezember fand die bislang größte Theaterdemonstration in Ungarn statt. Drei Repertoiretheater und einige unabhängige Theater riefen zu einer «Demonstration für das freie Theater und die Unabhängigkeit der Künste» auf. Künstler verschiedener Generationen und aus diversen Kunstorganisationen ergriffen das Wort. «Kultur ist ein nationales Gut» wurde zum Motto...
Das Findelkind Mowgli wächst bei den Wölfen auf – und findet später bei den Menschen auch kein Glück. Ein bedauernswertes Zwischending ist der berühmte Dschungeljunge, Held eines der bekanntesten Jugendbücher weltweit. Weder Mensch noch Tier, weder wild noch dressiert, ohne echte Heimat und Familie – ein Wesen, das in der Natur einzig durch Cleverness und die...
Drei Bücher hat der französische Literatur-Jungstar Édouard Louis bisher veröffentlicht. Alle drei können in Wien derzeit an zwei Theaterabenden konsumiert werden: Im Volkstheater steht eine Kombination aus «Wer hat meinen Vater umgebracht» und «Der Abschied von Eddy» auf dem Spielplan, im Schauspielhaus wird «Im Herzen der Gewalt» gegeben. In diesem, seinem...
