Jetzt wird’s schmutzig
In einer zentralen Szene von Benjamin von Stuckrad-Barres vor einem halben Jahr erschienenem Roman «Noch wach?» wird eine Baustelle besichtigt. Der Verleger des im Buch als Fernsehsender beschriebenen, aber verhältnismäßig klar als teiljournalistischer Mischkonzern Springer erkennbaren Medienunternehmens führt seine Untergebenen durch den Rohbau der neuen Verlagszentrale und beschreibt, wie hier in Zukunft gearbeitet werden soll: hierarchiefrei, kreativ, high-performing.
Die Szene ist wichtig, weil in ihr das Denken der Figuren offenbar wird, eine wilde Mischung aus kalifornisch inspirierten New-Work-Theorien, libertärem Elitedenken, knallharter Ellenbogenpolitik und einem journalistischen Ergebnis, das am Ende doch wieder auf «Angst, Hass, Titten und Wetterbericht» (Die Ärzte) hinausläuft, formuliert im wunderbar hohlen Marketing-Sprech, den kaum jemand so gut beherrscht wie Stuckrad-Barre.
Für Christopher Rüpings Romandramatisierung hat Peter Baur die Bühne des Hamburger Thalia Theaters erst einmal entleert. Die Baustelle ist tatsächlich ein offener Nicht-Ort, auf dem der ständige Regen tiefe Pfützen hinterlassen hat: «Im Oktober geht er los und ist vor März niemals zu Ende, ...
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Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Falk Schreiber
Zwei Neonaugen leuchten in die Nacht hinein über dem Hintereingang des Theaters an der Ruhr. Zum Schlund wird das Türportal, das die Zuschauer vom illuminierten Raffelbergpark hineinsaugt und wieder ausspuckt. Innen ist das Foyer mit schwarzen Glitzerfäden ausgekleidet, rote Sofas laden zum Chillen ein. Oder man steht doch wieder auf und geht in der leicht...
98.171 Senkkopfschrauben, 2147m2 Gipskartonplatten, 55 Kästen Bier – dies ist nur ein kleiner Auszug aus der eindrucksvollen Materialbilanz, die die Technikabteilung des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz, das in der vergangenen Spielzeit unter einem schweren Wasserschaden litt, auf einer Seite im Programmheft zu «Malfi!» zieht. Tatsächlich haben die Gewerke für...
Wer Maria Müller-Sommer und ihren (ihren!) Theaterverlag in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einmal in der alten Dahlemer Villa besucht hat, dürfte ein paar wichtige Einsichten mitgenommen haben. Die wahren Herrlichkeiten lagen nämlich im Keller: das Archiv und die Küche. In Ersterem waren in vornehm angestaubten Fächern unter locker gestapelten Manuskript...
