Inge Durieux

Berlin Deutsches Theater, Kammerspiele: Christoph Hein «Tilla» (U)

Wenn es an diesem Abend tatsächlich um «Tilla» gegangen wäre, nämlich um die große Schauspielerin Tilla Durieux, dürfte man durchaus erbost sein. Sie gehörte zur Schauspieleravantgarde des 20. Jahrhunderts, hat in den 20er Jahren Piscators Experimentier-Volksbühne mitfinanziert und musste mit ihrem dritten Mann, dem jüdischen Kaufmann Ludwig Katzenellenbogen, 1933 Nazi-Deutschland verlassen. Er starb im KZ, sie kehrte erst 1952 aus Zagreb zurück, wo sie sich als Kaninchenzüchterin und Schneiderin über Wasser gehalten hatte ­– und erlebte ein großes Comeback.

Christoph Heins in fahrigen Zeitsprüngen erzählter Diven-Monolog reduziert dieses Leben zu 90 Prozent auf Tillas so spektakuläre wie schwie­rige zweite Ehe mit dem schillernden Kunst­händ­ler Paul Cassirer, ihrem «besten Freund und schlimmsten Feind», die in einem melodramatischen Showdown endete: Vor dem Büro des Anwalts, bei dem die Scheidungsurkunde unterschrieben werden sollte, erschoss sich Cassirer.

Das war 1926, Tilla Durieux war 46 und ein «Mega-Star», wie Hein es ihr in den Mund legt. Sein Fast-Monolog scheint allerdings 1970 zu spielen, an jenem Tag, als Tilla, 90-jährig, zum Ehrenmitglied des Deutschen Theaters ...

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Theater heute Januar 2013
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Barbara Burckhardt

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