Im Fluss der Bilder

In Hannover ist Büchners Woyzeck auf dem Weg in die Psychose, Guy Weizman feiert mit «3 Poems» ein Fest der Entgrenzung

Das Grundprinzip eines Kaleidoskops sind mehrere zueinander gestellte Spiegel, die sich ständig bewegen und so abstrakte, nur schwer entschlüsselbare Bilder entstehen lassen.

Anne Ehrlichs Bühne für den «Woyzeck»-Livestream aus dem Hannoverschen Schauspielhaus ist eine Art riesiges Kaleidoskop: Die Drehbühne bewegt sich, die Schauspieler*innen bewegen sich, die Kameras (Tobias Haupt, Artur Klippert, Daniel Mehlkopf, Engin Uzuncay) bewegen sich, wahrscheinlich bewegen sich auch die Spiegel an der Bühnenwand, und dass man Letzteres nicht genau sagen kann, zeigt schon, welches Maß an Desorientierung Regisseurin Lilja Rupprecht hier anstrebt.

Rupprechts «Woyzeck» ist auf eine ganz eigene Art werktreu, was hier heißt: zersplittert. Georg Büchners vermutlich um 1836 entstandenes Dramenfragment ist nur in einzelnen Szenen überliefert, eine Szenenfolge wurde erst lange nach dem Tod des Autors festgelegt. Rupprecht aber geht hinter diese Abfolge zurück: Sie zeigt unverbundene Schlaglichter aus dem Alltag einer geschundenen Kreatur, eine Liebesannäherung, eine berufliche Demütigung, ein Nichtverstehen des Alltags.

Kurz scheinen diese inhaltlichen Versatzstücke auf und verschwinden schon ...

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Theater heute Juni 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Falk Schreiber

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