«Ich will die Wurst sein»

Jedes funktionierende Ensemble braucht jemanden, der quertreibt. In Bremen ist das Karin Enzler, die mit Dreck zwischen den Zehen gegen die Selbst­zufriedenheit des Poptheaters anspielt.

Der Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden. Keine 16.000 Einwohner auf 173 Quadratkilometern, Steuerparadies, florierender Tourismus, auskömmlich subventionierte Ökolandwirtschaft. Der Hauptort Appenzell zählt knapp 8.000 Einwohner, das ist ein Dorf, immerhin eines mit Bahnanschluss, aber ohne Hochschule, ohne Kino, ohne Theater. Hier wurde Karin Enzler 1980 geboren, elf Jahre, bevor der Halbkanton gezwungen wurde, auf kommunaler Ebene das Frauenwahlrecht einzuführen, hier ist sie aufgewachsen.

Nicht wirklich im Hauptort, sondern am Ortsrand, am Hang, mit dem Fahrrad in fünf Minuten im Dorf, aber erst in 25 Minuten wieder zu Hause. Theaterferner kann man sich eine Kindheit kaum vorstellen, ein einziges Mal war Enzler mit der Schule im Theater, in St. Gallen, der nächsten echten Stadt: «Pippi Langstrumpf».

Appenzell ist keine extrem konservative Gegend, der Tourismus sorgt durchaus für eine gewisse Weltläufigkeit, einerseits. Andererseits sind die Appenzeller bis heute stolz darauf, die Habsburger aus ihren Tälern vertrieben zu haben, auch Enzler. Ein raffinierter Menschenschlag, Querköpfe. Nicht intellektuell, aber stolze Bergbauern: «Man hat doch ein bisschen mehr Dreck zwischen ...

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Theater heute Juni 2015
Rubrik: Akteure, Seite 41
von Falk Schreiber

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