Hurra, jetzt ist der Oli tot!
Menschen rennen durch die Nacht. Erst waren nur ein paar Spaziergänger in Laufschritt gefallen, dann schwoll das Läufertrüppchen zum Rudel an. Jetzt dröhnt und knarrt der Bühnenboden unter den polternden Tritten der Turnschuhe und Badelatschen. Stumm wälzt sich die Herde, vielleicht auf der Flucht, vielleicht auf der Jagd, Runde um Runde über die «Ebene von Waterloo, hinter dem Teutoburger Wald an der Marne». Dort, wo die Erde einem ausgebrannten Trichter gleicht, einem plattgewalzten Scheiterhaufen, auf den ein Himmelskörper gestürzt ist. Bis plötzlich alle stehen bleiben.
Zwei Dutzend Taschenlampen strahlen auf. Wie Glühwürmchen tanzen sie um Oli, das tote Kind. Bei Luk Perceval ist es ein ausgewachsener Fleischberg.
Sechsmal lässt der belgische Regisseur seine 24 Schauspielerinnen und Schauspieler so über die gewaltige Panoramabühne von Annette Kurz rennen. Sechsmal lässt der Autor Marius von Mayenburg nachts den neunjährigen Oli sterben, bevor es am Abend des siebten Tages die böse Hexe trifft. Der Uraufführung von Mayenburgs Campingplatzgroßmetapher «Turista» (mexikanisch für «Montezumas Rache»), einer Koproduktion der Wiener Festwochen mit der Berliner Schaubühne und dem ...
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Wie wohl hätte man sich heute einen «Weltverbesserer» vorzustellen, einen, der von sich sagt, «mein Kampf ist ein Kampf um das Glück aller; sollte ich glücklich sein, so müssten es zuerst alle andern Menschen um mich herum sein»? Getroffen hat man ja schon länger keinen mehr.
Wäre so einer jung und bei Attac, wäre er ein übrig gebliebener 68er, wäre er eine...
