Zivilisation ist, wenn man trotzdem lügt

Horváths «Geschichten aus dem Wiener Wald» an der Berliner Volksbühne und in Köln: Albrecht Hirche geht einkaufen, und Christoph Marthaler zelebriert die Wiederholung als Programm

Links oben am Portal findet sich ein schönes Beispiel für Kontinuität. Ein Logo, das in seiner auffälligen Unauffälligkeit mehr für Österreich steht als Stephansdom und Mozartkugel zusammen: Die weiße Zigarette mit rotem Kreis hängt seit vielen Jahrzehnten im zeitlos neusachlichen Design an jeder der mehreren tausend übers Land verteilten Tabak-Trafiken. Das staatliche Tabakmonopol von «Austria-Tabak» hat Joseph II. anno 1792 geschaffen, und es hat die Habsburger genauso überlebt wie Hitler.

Erst die EU hat dem konkurrenzfeindlichen Treiben ein Ende gesetzt, seit der Zwangsprivatisierung 1996 gehört die «Austria Tabak» zum Gallaher-Konzern («Benson & Hedges»). Aber die alte Stammmarke «Memphis» regiert in der Alpenrepublik wie eh und je, und im Schatten des blauen Donaudunsts hat ein anderes Monopol bis heute überlebt. Denn die Tabak-Trafiken selbst werden nach wie vor staatlich vergeben, früher an Kriegsversehrte oder schlecht versorgte Witwen, heute bevorzugt an Behinderte. Und die MVG, die staatliche Monopolverwaltung zur Trafikvergabe, rühmt sich noch heute, dass an jedem vierten Tag durch die Vergabe einer Lizenz einem Menschen eine Existenz geschaffen werde. Die EU geht das ...

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Theater heute Januar 2007
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille

Vergriffen