Hinter Glas

Aufbruch sollte das Motto der 62. Berlinale sein. Der will in den deutschen Filmen des Programms nicht recht gelingen: Überstehen ist hier fast schon alles. Das ist trotzdem sehenswert, nicht zuletzt dank der Überlebensfrauen Martina Gedeck, Corinna Harfouch, Nina Hoss und Birgit Minichmayr

Die Sonne scheint. Das Alpenpanorama leuchtet, freudig läuft der Hund vorneweg, wackelig auf wenig bergtauglichen Schuhen folgt ihm die Frau. Und dann ist da plötzlich – nichts. Ein Nichts, das ein Ende ist. Es geht nicht weiter, obwohl die sich hinabschlängelnde Straße ins Weite zu führen scheint. Denn da ist die unsichtbare «Wand».

In Julian Pölslers gleichnamigem Film nach Marlen Haushofers fast 50 Jahre altem Roman ist sie ein kaum wahrnehmbar anschwellender Ton und eine Fassungslosigkeit im Gesicht von Martina Gedeck.

Mit den Händen tastet sie die gläserne Wand ab, die jetzt die Rückseite der Leinwand zu sein scheint, wir schauen auf die Handinnenflächen und spüren die Undurchdringlichkeit. Die atemberaubende Bergwelt wird danach zum lichtdurchfluteten, schneedurchwehten, regendurchnässten Gefängnis, und Martina Gedeck wird sich stumm und entschlossen in dieser alternativlosen Natur mit ihren Gefahren und Kreaturen einrichten und ein wenig selbst Kreatur werden. Ganz geht es ja nicht, weil da dieses Denken ist, gegen das sie anschreiben muss: den Bericht eines Überlebenskampfes für fast nichts, für einen kleinen Hund, eine große Kuh, für das Leben selbst vielleicht, das doch ...

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Theater heute April 2012
Rubrik: Akteure, Seite 51
von Barbara Burckhardt

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