Herzogtum Güterbahnhof
98.171 Senkkopfschrauben, 2147m2 Gipskartonplatten, 55 Kästen Bier – dies ist nur ein kleiner Auszug aus der eindrucksvollen Materialbilanz, die die Technikabteilung des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz, das in der vergangenen Spielzeit unter einem schweren Wasserschaden litt, auf einer Seite im Programmheft zu «Malfi!» zieht.
Tatsächlich haben die Gewerke für das Sommertheaterspektakel im Alten Güterbahnhof schier Unglaubliches geleistet und das Innere des riesigen Gebäudes in eine labyrinthische und detailverliebte Landschaft aus Sälen, Kammern und Gängen verwandelt.
Die historische Familientragödie des Shakes -peare-Zeitgenossen John Webster spielt zu Beginn des 16. Jahrhunderts, handelt von der nicht standesgemäßen Ehe der Herzogin und ihren neidischen oder inzestuös verstrickten Brüdern, die diese mit Hilfe des Spions Bosola – gespielt von der springteufeligen Emilie Haus – verhindern wollen. Gender- und Herrschaftstrouble also! Vor der Rampe des Güterbahnhofs, wo sich vor Vorstellungsbeginn die Zuschauer:innen zwischen Imbiss- und Getränkestand versammeln, zeichnet sich bereits ab, dass man es hier mit der historischen Korrektheit angenehm ungenau nimmt: Das unters ...
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Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Eva Behrendt
Die Briefe von Felix Ganz gehen unter die Haut. Eben noch ein wohlhabender Teppichgroßhänd -ler und Fabrikant in Mainz mit internationalen Verbindungen, einer großen Villa am Rhein und rauschenden Festen, haben ihn die Nazis enteignet, entwürdigt und mit seiner Frau Erna in ein kleines Zimmer im Mainzer «Judenhaus» gegenüber der Gestapo-Zentrale verbannt. Seine...
Im Theater heißt es oft: Eine Inszenierung brauche nicht viel, um ihre Botschaft zu transportieren. Der Ausdruck bekommt in «Vendo Humo», das am Zürcher Theater Spektakel zu sehen war, eine neue Bedeutung: Wenn Juan Onofri Barbato in seinem Solo an einem erhöhten Tisch sitzt und ihn von links und rechts nur zwei sehr kleine Nebelmaschinen besprühen, dann ist die...
Als sie erfuhr, sie werde die erste außereuropäische Programmdirektorin von Theater der Welt, bestimmte die Corona-Pandemie noch das Geschehen. Chiaki Soma, eine der wichtigsten Produzentinnen und Festivalmacherinnen Asiens, saß in Tokio fest und dachte über mögliche Schwerpunkte nach, die in zwei Jahren das Festival prägen sollten, das vom Zentrum Bundesrepublik...
