Hamburg: Warschauer Kulturkämpfe
Jakub Shapiro ist ein Mann mit vielen Talenten: Er hat Charme, Geld, Frauen, einen gelben Opel Olympia und einen Vorschlaghammer nebst Knochensäge im Kofferraum, mit denen säumige Schuldner totgepügelt, gevierteilt und dann in den Warschauer Lehmgruben versenkt werden.
Die rechte Hand und der Knochenbrecher des Warschauer Bordellkönigs und Schutzgelderpressers Jan Kaplica ist außerdem ein erfolgreicher Boxer, selbstbewusster Sozialaufsteiger und noch selbstbewussterer Jude, der allen Warnungen vor drohenden Pogromen mit dem praktischen Hinweis begegnet, ein Drittel der Warschauer Bevölkerung sei jüdisch, und denen können man kaum allen «die Bärte abschneiden». Shapiro selbst trägt maßgeschneiderte Anzüge und ist selbstverständlich makellos glattrasiert.
Szczepan Twardochs polnischer Erfolgsroman «Der Boxer» von 2016 erzählt Shapiros Geschichte(n) aus dem swinging Warschau der Zwischenkriegszeit, das sich unmerklich von einer kosmopolitisch-bürgerlichen Metropole in einen politischen Dampfkessel verwandelt. Der Aufstieg polnischer Nationalisten und Faschisten wirft Gräben auf zwischen den Lagern und Ethnien, Jahre bevor Deutschland Polen überfällt. Parallelen zu den Kulturkämpfen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille
«The End» prangt von Beginn an als Leuchtreklame auf dem Königs-Bungalow, und der Horizont dahinter wölkt sich in Nina Pellers Bühnenbild leuchtend wie im Abspann eines 50er-Jahre-Westerns in Technicolor. Doch das Ende ist das eine, was danach kommt, das andere. Weg mit den weißen alten Männern, das ist inzwischen fast überall der Konsens der Stunde; und...
Wie die Welt untergehen wird? «Unter dem Jubel ihrer witzigsten Köpfe, die da meinen, es wäre ein Witz», heißt es im «Untergang der Titanic» von 1978. Klingt grob, aber genau das ist es, was die apokalyptische Komödie von Hans Magnus Enzensberger jetzt, angesichts der anstehenden Klimakatastrophe, so aktuell macht: die Vorstellung der Katastrophe als Witz.
Ein...
Ein Handtuch von einem jungen Mann schleicht an die Rampe. Sein Dasein ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Entsprechend meidet er die Mitte im breiten, leeren Raum der Berner Vidmarhallen. Das ist Elmar Goerdens «Sohn», Titelfigur im letzten Teil einer Trilogie, die lose an Homers Telemachos aus der «Odyssee» anknüpft und seit 2016 Stück für Stück am Theater Bern...
