Gute Unterhaltung

In Wien feiert Herbert Fritsch Molières «Der eingebildete Kranke», Yael Ronen findet in der Flüchtlingskrise ein Hipster-Drama, und Joseph Roth bleibt trotz Antú Romero Nunes immer Joseph Roth

Wie von Geisterhand bewegen sich die Tasten der drei Cembali. Manuell gespielt wären sie gar nicht fähig, das irrwitzige Tempo, das Herbert Fritsch auf der Bühne des Wiener Burgtheaters entfacht, zu erzeugen. Atemlos hetzen sie die Tonleiter rauf und runter, spielen Tril­-ler und Tremoli. Drei Cembali auf Speed. Und rund um sie herum, darunter und drüber (und manchmal auch im minutenlangen Infight mit ihnen), zwei Handvoll Personen, die noch ein paar Pillen mehr eingeworfen haben dürften.

«Ballettkomödie» hat Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, seinen 1673 entstandenen Drei­akter «Der eingebildete Kranke» genannt. Eine in Vergessenheit geratene Gattungsbezeichnung, die das gesprochene Wort mit Musik-, Tanz- und Gesangseinlagen verbindet. Auf nichts von alledem muss man an diesem Abend verzichten. Und doch tönt und fiepst, jault und kreischt es, als ob nicht nur die Cembali per Midi-Signal ferngesteuert würden, sondern die gesamte Molièrsche Meute. Die Mario­nettenfäden hat Fritsch gekappt, die ruckenden, zuckenden Bewegungen, die wie Mondsicheln nach oben gebogenen Augenbrauen, die her­aushängenden Zungen, die verrenkten Arme und die in die Luft gestreckten Ärsche aber sind ...

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Theater heute Februar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Stefan Hilpold

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