Getränkt von dunkelsten Geschichten

In «Ein von Schatten begrenzter Raum» blickt Emine Sevgi Özdamar zurück auf ein reiches Theaterleben zwischen Ostberlin, Paris und Bochum – ein Vermächtnis

«Ich muss lesen, die ganze Vergangenheit wartet auf mich»

«Wo wohnen Sie, Madame?»

Die Protagonistin hat keinen Namen. Sie kommt als junge Schauspielerin nach Deutschland, «die sechs Putzfrauenrollen spielen und viele Bücher schreiben» und «am Ende geschlachtet» wird. Sie wohnt in Benno Besson, den sie «Meister Besson» und «mein Land» nennt. Sie wohnt in dem kaputten Bein einer Spinne, die sie in der Nacht, in der Besson eingeäschert wird, in ihrer Badewanne findet und der sie beim Heraustragen ein Bein rausreißt.

Sie wohnt in Tina Turner, zu deren Konzert sie mit Elaine geht, der «schwarzen amerikanischen Sängerin», die Heiner Müller für das Stück «Der Auftrag» engagiert hat. Sie wohnt in Wolfgang Hilbig, ihrem Lieblingsdichter, wohnt in einem schönen Apfel und in Matthias Langhoff und ist darüber traurig, «dass Deutschland seine Toten durch die Nazis verloren hat, so wie Else Lasker-Schüler, Walter Benjamin, aber wenigstens Brecht ist hier begraben – und Langhoffs Vater und Mutter».

Paris, nicht Berlin

Mit ihrem jüngsten Roman «Ein vom Schatten begrenzter Raum» knüpft Emine Sevgi Özdamar sowohl an ihren Bildungsroman «Die Brücke vom Goldenen Horn» aus dem Jahr 1998 an als auch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2022
Rubrik: Buch, Seite 32
von Nesrin Tanç

Weitere Beiträge
Schneisen schlagen

Molière spielt Molière. Das ist das «Stegreifspiel in Versailles», in dem Molière 1663 vor Ludwig XIV. sich selbst spielte, wie dieser fiktive Molière einen Komödienautor spielt, der ein Stück geschrieben hat, in dem er seine Schauspielerkollegen karikierend imitiert. Diese Selbstbezüglichkeit ist das Grundprinzip von Frank Castorfs Kölner «Molière»-Projekt: «Ich...

Offen für Verschiedenheit

Der am 3. Februar verstorbene Schauspieler Dieter Mann kam aus einer Arbeiterfamilie. Nach dem Volksschulabschluss in Pankow absolvierte er eine Lehre als Dreher im VEB Kühlautomat, arbeitete dann zwei Jahre in einem Schleifmaschinenwerk und studierte anschließend an der Berliner Arbeiter-und-Bauern-Fakultät Friedrich Engels. Nach dem Abitur bewarb er sich 1962...

Kitzelnde Körperlosigkeit

Höhere Ehren gibt es nicht. Zum Geburtstag erhält Molière eine Briefmarke: Seit dem 17. Januar kann man in Frankreich seine Post mit Molières Porträt bekleben; süffisant im Dreiviertelprofil begutachtet er eine Szene aus dem «Eingebildeten Kranken». Am 15. Januar (wahrscheinlich) wäre der Theaterunternehmer, Schauspieler, schon zu Lebzeiten meistübersetzte und im...