Ganz’ große Show

Adam Ganz, ScanLAB Projects «Felix’s Room» (U) am Berliner Ensemble, Probebühne

Die Briefe von Felix Ganz gehen unter die Haut. Eben noch ein wohlhabender Teppichgroßhänd -ler und Fabrikant in Mainz mit internationalen Verbindungen, einer großen Villa am Rhein und rauschenden Festen, haben ihn die Nazis enteignet, entwürdigt und mit seiner Frau Erna in ein kleines Zimmer im Mainzer «Judenhaus» gegenüber der Gestapo-Zentrale verbannt.

Seine Briefe an Freunde und Geschäftspartner aus dem Jahr 1942 dokumentieren die immer bedrängteren Verhältnisse, die ständige Bedrohung und die immer verzweifelteren – letztlich vergeblichen – Versuche, von alten Bekannten Beistand und Hilfe zu erbitten. Am Ende stand die Deportation nach Theresienstadt, schließlich der Tod in Auschwitz.

In einem der Briefe hat Ganz eine detaillierte Skizze des engen Zimmers angefertigt – Fenster, spärliche Möbel, kleine Kochstelle – und als einzige Reminiszenz ans alte großbürgerliche Leben eine Biedermeierkommode aus Walnussholz, die auf verschlungenen Wegen 2019 im Mainzer Landesmuseum wiederentdeckt wurde. Der Londoner Regisseur und Urenkel von Felix, Adam Ganz, hat um sie herum mit Hilfe von ScanLAB Projects und ihrer 3D-Scan-Technologie LiDAR einen in grünlichen Linien aufscheinenden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Vorschau und Impressum 10/23

Pläne der Redaktion

In der letzten Saison unter Leitung von Barbara Frey zeigt die Ruhrtriennale u.a. eine Neuproduktion von Gisèle Vienne, «Extra Life» – ein Festivalreport

Andreas Beck startete mit fünf Jahren im Kinderballett, später ging’s von Eisleben über u.a. Kassel und Dortmund ans Wiener Volkstheater: ein Porträt

Sibylle Berg ist auf alles, was mit...

Schnittpunkte von Raum und Zeit

Am 11. Juli dieses Jahres starb der 1949 im Berliner Osten geborene, durch die produktive Zusammenarbeit mit Heiner Müller bekannt gewordene Maler-Bühnenbildner Hans-J. Schlieker, der alles Sehbare sehen, alles Einsehbare vergessen und nur Künstler sein wollte. Interessiert nur an dem, was ist, jenseits von Begriffen und Beschreibung. Er hielt Kunst als Tätigkeit...

Theater, sei wachsam

Im aktuellen Jahrbuch der «Theater heute» taucht mehrfach der Begriff «Wokeness» in der Kategorie «Ärgerlichste Erfahrung des Jahres» der Kritiker:innenumfrage zur vergangenen Saison auf. Allerdings wird er ganz unterschiedlich benutzt und bewertet. Die Redaktion fasst zusammen, «der wolkige Kampfbegriff Wokeness scheint vielfältige Probleme zu bergen – sowohl wenn...