Für ein unsouveränes Theater

Die Aufführung ist die Kunstform der Stunde

Dass ich oft die Aufführung meine, wenn ich Theater sage, zeigt sich zu Corona-Zeiten deutlicher denn je. Das Streamen dokumentierter Vorstellungen oder live vollzogener Online-Formate verweist vor allem darauf, was nun zu wünschen übrig bleibt: jene in zeitlicher wie physischer Gemeinschaft erlebte Zusammenkunft nämlich, die Zuschauerinnen wie Darstellerinnen gleichsam prägen, und deren Fragilität auf der Gleichzeitigkeit von Produktion und Rezeption beruht.

Überhaupt ist die Aufführung ein anfälliges Unterfangen, in ihrer Anlage grenzüberschreitend, geht sie doch von der Vereinbarung aus, sich aufeinander einzulassen. Zwar kann sie Macht behaupten und darstellen, auch eignet ihr die performative Kraft, mit Sprechakten und Bildern Macht auszuüben. Das mediale Setting aber, die Versammlung, in die jede jederzeit intervenieren kann, könnte unsouveräner nicht sein. Die Aufführung ist angreifbar. Und mit ihr sind es die Körper, die sich verabreden, ein­ander dies- und jenseits der Bühne zu begegnen.

Deren per se unsicheres Auftreten potenziert sich nun mit der Corona-bedingt vorherrschenden Verunsicherung, die auch die Theater von der Programmplanung über die Raumgestaltung bis zu ...

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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 58
von Joy Kristin Kalu

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