Frau Müller träumt von Weihnacht

Sibylle Berg dichtet Besinnliches zum Fest


Frau Müller war seit Jahren einsaaam,
seit untern Zug in Vals ihr Mann kam.
Nun stand auch noch die Weihnacht an,
ein Jahr, nachdem es ihren Mann nahm.

Und sie war wochenlang gelaufen
vor diesem Laden hin und her,
sie wollte jenen Mantel kaufen.
Doch Geld hatte sie keines mehr.

Sie sah sich in dem Mantel stehn,
sah sich zu großen Galas gehn.
Den Mann des Lebens fände sie!
Doch ohne Mantel leider nie.

Das Stück war rot und bis zum Boden,
und er war mehr als simple Moden.


Er war Zuhause und daheim,
und ohne ihn hieß einsam sein.

Sie war nun wirklich nicht sehr schön,
doch mit dem Mantel kein Problem:
Ein Haus am See, ein Pferd, Orgasmus,
das käme mit dem Mantel allus.

Das Geld hat sie dann unterschlagen.
Sie trug den Mantel, hoch den Kragen,
sie wollte nur noch tanzen, springen,
und hörte nicht die Tram laut klingen.

So war die Weihnacht für Frau Meier,
die eigentlich doch Müller hieß,
nicht eine wirklich schöne Feier,
als man sie dann ins Grab abließ.

 

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Sibylle Berg

Vergriffen
Weitere Beiträge
Utopie und Desinteresse

Irgendwann wird die Wissenschaftlerin, die gerade von ihrer Arbeit in einem Moskauer Krebsforschungsinstitut kommt, von einem hysterischen Lachkrampf geschüttelt. Sie lege jetzt ein peinliches Geständnis ab, diktiert sie der belgischen Multimedia-Performancegruppe Berlin ins Mikrofon: Die Mittfünfzigerin geht jeden Abend nach Dienstschluss stundenlang putzen. Eine...

Historische Kurzschlüsse

«Mehr Mut und Menschlichkeit!», ruft ein wackerer Jungrevoluzzer durchs Megafon und klatscht dazu in die Hände wie beim Flamenco-Kurs. Sein linker Kollege kämpft mit ähnlichem Körpereinsatz um «Mehr Spontaneität!». Und ein leidenschaftlicher Fan des interaktiven Theaters steuert aus der zweiten Reihe ein tief empfundenes «yeahyeahyeahyeah» bei. Was täuschend echt...

Wut war mal

«Bell doch mal!», sagt der Typ im Anzug auffordernd. «Bell mal, so richtig laut, wütend, aggressiv!» Wie Coachs so reden. Der Response der Klienten ist allerdings unbefriedigend: ein klägliches «Miau!», ein leises Röcheln, müdes Wauen. Wut war mal. Knapp zwei Wochen nach einer Bundestagswahl, bei der 15 Prozent des Wahlvolks einen denkbaren Zorn auf deregulierende...