Frau als Beute

Euripides «Medea»

Spannungsarm lehnt der Gatte an der Küchenzeile. Die Frau hat sich in einen Wutanfall hineingesteigert, schreit «du elender Kerl» und streicht sich eine absichtsvoll drapierte Grauhaarsträhne aus dem Gesicht. Er wolle jetzt «keine kleinkarierte Rechnung aufmachen», erwidert der Gatte in stilechtem Vorabendseriendeutsch und sitzt die Sache erst mal aus. Man scheint hier recht krisenroutiniert, was bei der Wohnsituation auch kein Wunder ist.

Es handelt sich nämlich um ein Ehepaar mit Migrationshintergrund, das haargenau so lebt, wie sich das der bundesrepublikanische Durchschnittsfernsehzuschauer so vorstellt: auf drei mal drei Metern zwischen heruntergewirtschaftetem Küchentrakt, Bettcouch und Kleinbürger-Sitzgruppe. Der aktuelle Zankapfel: Der Gatte hat sich erfolgreich aus der Sozialbude herausgeschlafen und wird bald die junge Tochter des Stadtoberen heiraten, während der grausträhnigen Gattin die Ausweisung droht. Sie schlüpft dann in ihr schulterfreies Abendkleid, setzt sich mit einem Glas Rotwein vor den Fernseher, wird von ein paar Alpträumen gebeutelt und greift schließlich zum Küchenmesser, um aus Rache am untreuen Gatten die gemeinsamen Kinder zu töten. 

Das kleine ...

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Theater heute Januar 2007
Rubrik: Chronik, Seite 38
von Christine Wahl

Vergriffen
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