Frankfurt/Main
Am Anfang war die Vorhaut, und sie war schnell weggeschnitten. Rituale haben an diesem Abend Konjunktur. Es geht um Juden, Christen, Antisemitismus und Shakespeare. Barry Kosky und seine Dramaturgin Susanne Goldberg haben den «Kaufmann von Venedig» radikal zusammengestrichen. Sie verzichten auf einen Teil der Schauplätze, Handlungsstränge und Figuren und haben dem Stück auch die Komödie gründlich ausgetrieben. Stattdessen zeigt sich ihr «Kaufmann» als geschichtsbesessene Groteske, reduziert auf einen möglichen Grundkonflikt – den der Religionen.
Unversöhnlich stehen da geleckte venezianische Anzugträger, die sich des rechten Glaubens und lauterer Geschäftspraktiken rühmen, dem jüdischen Wucherer Shylock gegenüber, der mit seinen Bartstoppeln, dem strähnigen Haar und dem Dauernusskauen irgendwie ranzig wirkt.
Überhaupt dieser Jude – missmutig trägt er das Kreuz seiner Existenz. Einer, der so geworden ist, weil die Umstände sind, wie sie sind, und weil als Minderheit unter Venedigs christlich-intoleranter Mehrheit zu leben keinen Gutmenschen aus einem macht. Dieser übellaunige Kerl mit seiner spuckenden Aussprache ist kein Sympathieträger, aber mit Abstand die interessanteste Figur ...
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Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 48
von Paula van Bergen
Engel steigen zu uns herab. Zu einem Drum-Loop, über den sich bald schon die melancholischen Synthesizerklänge von «Streets of Philadelphia» schmiegen, schweben die Akrobaten vom Bühnenhimmel. Einer von ihnen, der mit der regenbogenbunten Glitzerhose und beeindruckend ausdefinierten Rückenmuskulatur, ist Fabian Hinrichs. Kaum hat er sich seines Fluggeschirrs...
Orange leuchtet die Glühbirnen-Schrift auf der grauen Lamellenleinwand, die den dunklen Raum der kleinen Studiobühne teilt: «NEDEN» – Warum? Aus dem nur halb einsehbaren Bühnenhintergrund sprechen drei Männer chorisch den Paragraf 301 des türkischen Strafgesetzbuchs, der die öffentliche Beleidigung des «Türkentums» (seit 2008 der «türkischen Nation») unter...
Das Thalia Theater hatte mich gebeten, für Helmut Schmidt ein Stück zu spielen. Ganz privat, in seinem Haus in Langenhorn. «Welches Stück? In was für einem Raum?», fragte ich. «Eines von deinen Solo-Programmen. In seinem Wohnzimmer. Dreißig Minuten Zeit für die Einrichtung.» Gut, dachte ich, dann machen wir «Amerika» von Kafka.
Das Vorhaben schien unwirklich, doch...
