Russische Lektionen

Frank Castorf inszeniert Andrej Platonovs «Tschewengur» in Stuttgart und den letzten Großroman von Dostojewski, «Die Brüder Karamasow», nach einem desolaten Gastspiel in Wien nun zu Hause an der Berliner Volksbühne

Beginnen wir mit der Suche nach Veränderung. Revolutionen seien die Lokomotiven der Geschichte, meinte Karl Marx. Klingt nicht nach einem gemütlichen Betriebsausflug, weist aber eindeutig nach vorne ins Bessere. Wie sich der historische Antrieb der russischen Revolution für die freiwilligen wie unfreiwilligen Fahrgäste anfühlt, hat Andrej Platonov beschrieben: Eine «Wanderung mit offenem Herzen» nennt er seinen Weg nach «Tschewengur», ein utopisches Steppendorf des vollendeten Kommunismus’, den am Ende keiner der Reisenden überlebt.

Der Roman und sein Autor sind klassische Beispiele der Selbstzerstörung einer großen Idee. Die zerrissene, sprunghafte Handlung folgt mehreren Figuren auf verflochtenen Reise- und Lebenswegen aus Armut und Hunger in der rus­sischen Provinz vor dem Ersten Weltkrieg über den Bürgerkrieg in die frühen 20er Jahre. Die offenen Herzen voll Naivität und Revolutionseifer retten sich mit glühendem Idealismus und geringem Überblick aus aberwitzigen Situationen, um in einem angeblichen Kommunismus der egoistischen Inkompetenzbürokratie, der lähmenden Faulheit, verstümmelter Sprache und des Gremienwahns zu enden. Dabei bleibt ihre revolutionäre Begeisterung ...

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Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Franz Wille