Film: Die Wunden der Weltgeschichte

Kornel Mundruczo verwebt in seinem Film «Jupiter’s Moon» Engelsepos und Flüchtlingsdrama

Die Menschen haben verlernt, nach oben zu schauen», bedauert der Arzt Gabor Stern im Gespräch mit dem syrischen Flüchtling Aryan. «Wir leben horizontal in unseren Netzwerken.» Damit bringt er auch die zentrale Sehnsucht zum Ausdruck, die den Regisseur Kornel Mundruczo zu seinem neuen Kinofilm «Jupiters Moon» inspiriert hat. Es beginnt fast distanzlos. Die Kamera zieht uns mitten in eine Gruppe von Flüchtlingen hinein und in die klaustrophobische Enge eines Geflügeltransporters, dann auf das schwankende Boot, das uns über den Fluss bringen soll.

Plötzlich Grenzbeamte, die vom Ufer aus schießen, bis die Boote kentern. Überall Wasser, Atemnot, Panik. Eine Leiche schwimmt vorbei. Wir schaffen es an Land und rennen um unser Leben, suchen Schutz im Wald. Dort wird einer der Flüchtlinge vom Chef des Einsatz-Teams in Zivil kaltblütig erschossen. Doch statt zu sterben, lädt sich Aryans Körper magisch auf und beginnt, über dem Schlachtfeld zu schweben.

Magisches Hybridwesen Aryan

Kornel Mundruczo lässt sein neues Genre-Mix aus religiös motiviertem Superhelden-Epos, Thriller und Beziehungsdrama inmitten der (ungarischen) Flüchtlingskrise spielen. Die programmatische Nähe des Films zur Science Fiction bleibt dabei im Wesentlichen die Behauptung einer Allegorie im Vorspann: Der kleinste der Jupitermonde ist ein Eismond namens Europa. Mehrere Kilometer unter der Eisschicht vermutet man einen Ozean aus flüssigem Wasser, aus dem neues Leben entstehen könnte. Theoretisch.

Praktisch sieht das Setting von «Jupiter’s Moon» der Budapester Stadtkulisse im Jahr 2017 zum Verwechseln ähnlich, samt morbider ikonografischer Enterieurs, grandios gefilmt und ausgeleuchtet. Dass mobile Einsatztruppen Flüchtlinge erschießen, um das Migrationsproblem zu lösen, ist selbstredend eine Dystopie. Die im vergangenen August allerdings näher an die Wirklichkeit gerückt ist: Nach einer erneuten Verschärfung der Asylgesetze stellte Viktor Orbans Regierung – just in der Region, in der Mundruc­zos Anfangssequenz spielt, der «Transitzone» am ungarisch-serbischen Grenzübergang Röszke – einfach die Versorgung aller erstinstanzlich abgelehnten Asylbewerber ein, bis in- und ausländische NGOs das politisch gesteuerte Verhungernlassen von Menschen wirksam publik machten. Doch Kornel Mundruczo hat kein Flüchtlingsdrama gedreht, wie er in einem Interview erklärte – und das stimmt. 

Denn dass der angeschossene, aber unversehrte Flüchtling Aryan (Aryan = engl. für «Arier», was die Figur in den ideologischen Zusammenhang der «arischen Migrationstheorie» stellt) nicht einfach nur ein weiterer syrischer Flüchtling aus Homs ist, wird auch dem korrupten Arzt des Flüchtlingslagers Gabor Stern (!) schnell klar, als er dessen Wunden untersuchen soll. Um das magische Hybridwesen zwischen Christus-Erlöser mit Wunden und Engel, das über dem Krankenbett schwebt, möglichst gewinnträchtig zu vermarkten, verhilft er ihm zur Flucht. Das löst eine Kettenreaktion aus, die den Plot als Thriller vorantreibt. 

Motive des Fliegens

Polizeichef Laszlo (György Cserhalmi) will das Opfer seiner Menschenjagd möglichst undokumentiert verschwinden lassen, Sterns Freundin Vera (Moni Balsai) endlich eine echte Beziehung, ein anderer Flüchtling die Budapester U-Bahn in die Luft sprengen (im Besitz von Aryans Pass) und Aryan selbst (Zsombor Jeger) seinen Vater finden, von dem er auf der Flucht getrennt wurde. Die Hauptfigur des Films ist aber zweifelsfrei Merab Ninidzes illusionsloser Mediziner, der vor Aryans Ankunft von jeglichem Ethos verlassen war und sich nun auf dem guten Weg der spiritu­ellen Läuterung befindet («Es gab eine Zeit, in der die Menschen Opfer brachten, und sie hatten gute Gründe dafür»).

Mundruczos Film überzeugt vor allem mit kameratechnisch brillanten Bildwelten, die «Jupi­ter’s Moon» auch als Ausstattungsfilm feiern: seine liebevoll-kuriosen Details um das Motiv des Fliegens, der Storch auf dem Dach eines Hochhauses oder die Käfige mit Singvögeln im Chi­na-Restaurant – oder der Cameo-Auftritt des Regisseurs als bestechlicher Rezeptionist im Hotel Budapest. Dort kommt es auch zum großen Showdown, in dem Gabor Stern mit einem Lächeln auf den Lippen stirbt, weil er Aryan vor Laszlos gezückter Waffe retten kann. Der springt durch das geschlossene Fenster der Hoteleinrichtung in den Budapester Abendhimmel und kreiselt elegant im Sonnenuntergang, während der stockende Verkehr unter ihm der Kamera ausreichend Zeit gibt, die vielen staunenden Zeugen der Engelserscheinung zu porträtieren.

«Gibt es einen Ort, an dem man sicher ist?», fragt Aryan seinen temporären Schicksalsgefährten einmal. «Vor den Wunden der Weltgeschichte bist du nirgendwo sicher», antwortet ihm dieser. Das mag ja prinzipiell nicht falsch sein, führt aber jede soziale Frage und die ganze Flüchtlingsproblematik (im Film) ad absurdum. Das Ausmaß und die Tiefe der Wunden hat die Weltgeschichte nämlich verdammt ungleich verteilt. Und dass man für diese Erkenntnis häufiger in den Himmel blicken müsste, darf man bezweifeln. 

Ab 22.11. im Kino


Theater heute November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Anja Quickert