Ein manifestes demokratisches Problem

Über die neuen Bruchlinien in europäischen Gesellschaften, das Einwanderungsland Deutschland, über Mehrheitsherrschaft und Minderheitenrechte und ein neues Leitbild: eine Dresdner Rede im Staatsschauspiel

Meine Leitfrage ist: Bewegen wir uns 25 Jahre nach dem Ende der bipolaren Weltordnung und nach der dazwischenliegenden Periode, die von vielen Theoretikern auch als neue Weltunordnung bezeichnet wurde, wieder auf einen dominanten Dualismus zu? Meine Hypothese ist, dass diese neue bipolare Bruchlinie sich in den Innenraum der europäischen Gesellschaften verlagert hat und an der Frage von Migration und der Einstellung dazu ausrichtet.

Es geht nicht mehr um einen Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt, sondern um einen akuten Konflikt zwischen Europa und sich selbst.

Zwischen dem Selbstbild Europas als offene, aufgeklärte, demokratische und tolerante Gesellschaft, das sich nicht deckt mit den Realitäten des Finanzkapitalismus, der Ungleichheit, der Abwehr, der neuen Grenzziehung, der Intoleranz und des ansteigenden Rechtspopulismus, der diese Gesellschaften derzeit prägt.

Die Frage des Umgangs mit Migration ist daher eine Chiffre für die große Frage danach, ob wir wirklich sind, was wir vorgeben, glauben oder wünschen zu sein, ethisch-moralisch, demokratie-theoretisch und identitär. Und es ist eine Chiffre für die Frage nach der Verwobenheit Europas in globale ...

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Theater heute April 2016
Rubrik: Essay, Seite 40
von Naika Foroutan