Der amerikanische Traum von der Tragödie

Die Freiheit vom Optimierungsdenken: ein Plädoyer für das zweckfreie Theater

In der Marktwirtschaft ist der Erfolg das einzige Thema. Aber das Thema des Theaters ist der Misserfolg, die Krise, das Scheitern. Die Tragödie, die Katastrophe sind ehrwürdige dramatische Errungenschaften.

Solche Behauptungen enthalten nichts Neues und schildern nur den Normalfall der Theaterkunst, nicht erst seit Beckett, sondern seit 2.500 Jahren.

Dass das heute überraschend oder besonders klingt, für manche auch gefährlich, hat vielleicht selbst etwas Tragisches und natürlich damit zu tun, dass das Theater zunehmend als ganz gewöhnliches Wirtschaftsunternehmen verstanden wird, das sich wie jedes andere Unternehmen unter Nutzensgesichtspunkten respektive nach ökonomischen Erfolgskriterien legitimieren muss. Und da ist dieses Tragödienbewusstsein natürlich hinderlich.

Das wurde vor nicht allzu langer Zeit selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika, der Nation der totalen Erfolgsfixierung, noch anders gesehen. Da konnte noch Mitte des letzten Jahrhunderts ein Mann, den nichts mehr begeisterte als die Tragödie, zum bedeutendsten Dramatiker avancieren: Eugene O’Neill. Von ihm stammt das folgende Bekenntnis, das kaum zu dem Überwachungs- und Kontrollwahn passt, der uns heute aus ...

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Theater heute Juni 2015
Rubrik: Essay, Seite 4
von Carl Hegemann