Fremd bin ich

Elfriede Jelinek wurde für ihr Stück «Winterreise» mit dem diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet – eine Dankesrede.

Irgendwas kommt in meinen Stücken immer beredt zum Ausdruck, aber wer beredet da was und wie? In meiner «Winterreise» wird vor dieser Sprechenden hier die Landschaft vorbei­gezogen. Eine spricht im Stillstand. Aufgrund einer Angst-Erkrankung bin ich nicht imstande, diesen Preis, über den ich mich sehr freue, persönlich entgegenzunehmen, und leider – das beschreibe ich ja – kann ich auch am Leben kaum je teilnehmen. Es ist also eine Reise im Stehen, nicht einmal im Warten, denn wenn man wartet, kommt ja möglicherweise noch mal was daher.

Gehen ist schon zu viel, man könnte sagen, es ist ein Verloren­gehen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Der Leiermann steht barfuß auf dem Eis, und irgendwann wird die Wärme seiner Füße ihn durch das von seiner letzten Lebenswärme geschmolzene Eis brechen lassen, ähnlich wie die verlassenen ehemaligen DDR-Grenzhunde, die Marie-Luise Scherer in einer ihrer literarischen Reportagen beschreibt. Keiner kümmert sich mehr um die Tiere, die Grenze, die sie zu bewachen hatten, ist verschwunden, und sie rennen in ihrer Verstörung, so weit ihre Kette reicht, im Kreis, bis die Wärme ihrer Pfoten das Eis an dieser Stelle geschmolzen hat und sie in einem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2011
Rubrik: Akteure, Seite 60
von Elfriede Jelinek