Elefant sein
Vielleicht brauchte es den Abstand von dreißig Jahren, um dieses Stück in seinen weit ausgreifenden gesellschaftskritischen Dimensionen auszumessen. Den Blick eines klugen Regisseurs und hellwacher Spieler*innen, die sich dem Stoff mit ihrer eine Generation jüngeren Weltsicht nähern. «Einfach das Ende der Welt» ist die Geschichte vom verlorenen Sohn Louis, in Zürich Benjamin (Lillie), der als Zwanzigjähriger in die Großstadt abgehauen ist, «um überleben zu können», genauer: um sein Leben als Schwuler und als Künstler zu leben.
Zwölf Jahre danach kommt er aidskrank zurück und will alle nochmal sehen und mit der Familie endlich einmal reden.
Es geht schief, was schiefgehen kann, respektive wie es seine neurotische Richtigkeit hat. Die alten Ressentiments brechen auf, die Vorwürfe von früher sind noch ganz frisch, Louis spricht nicht über seinen bevorstehenden Tod und reist unverrichteter Dinge und unversöhnt ab. «Wie wollen Sie sterben?», fragt Benjamin Lillie jetzt ins Publikum – immerhin 50 Zuschauer*innen, die sich Anfang Dezember in Zürich noch live im Theater versammeln dürfen und in der weitläufigen Schiffbauhalle so viel Kopräsenz markieren wie möglich. Wer will einsam ...
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Theater heute Februar 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Andreas Klaeui
Schon im Vorwort dräut es ganz gewaltig. Marc Grandmontagne, Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, eröffnet die gerade erschienene neue Theaterstatistik 2018/19 mit stolz-steifen, wenn auch unheilschwangeren Sätzen: Man halte «ein Dokument in Händen, das vermutlich das letzte Mal in gewohnten Fahrwassern eine Entwicklung fortschreibt, die als kontinuierlich...
Sehr verehrte Damen und Herren, wenn ich hier stehen werde, das hatte ich mir vor Monaten geschworen, dann würde ich eine Rede halten, in der das Wort Corona überhaupt nicht vorkäme. Ich wollte gerne daran glauben, dass inzwischen die Gefahren und Schrecken dieses Jahres überwunden sein würden. Aber dem ist nicht so.
Wir wissen nicht, wir können nicht wissen, was...
Breitbeinig steht er da, der schmalbrüstige Jüngling Woyzeck, dünn und blass und rätselhaft. Winzige Gebärden, etwa ein leicht zur Seite geneigter Kopf, zeugen von seinem Weltverlust. Steifhalsig lehnt er sich schräg nach hinten, wenn jemand zu ihm spricht. Sylvana Krappatsch kann beides glaubwürdig spielen: gestandene Frauen und junge Männer, ja sogar Kinder. In...
