Ein klassisches Stück
Das Kameraauge der Autorin fährt im Inneren einer Küche entlang und bleibt am auf dem Tisch liegenden Käsebrot hängen. Ein in Zellophan eingepacktes Käsebrot. Dessen Käse sich wellt und schwitzt. Dem die Butter aus den Löchern quillt. Dessen Farbe auch eine Haarfarbe sein könnte. So schreibt sie, so beobachtet sie, so sind ihre Welten. Im Detail entdeckt Anja Hilling die Tragik ganzer Biografien; die übergroße Nahaufnahme erzählt vom Unglück eines kompletten Menschenlebens.
Der Schweißtropfen, der sich von Frau Schlüters Stirn eine Bahn durch die Puderschicht frisst, das energetische Hausmeisterknie, dessen Anblick schon fast zu viel für die dahindämmernde Schlüter ist – «Verdammt steiler Tagesausflug, so’n Hausmeisterknie!» –, anderthalb Stunden nach den vielen Schlaftabletten verengt sich der Blick zum Tunnel. Doch nicht nur der pharmakologische Zustand Frau Schlüters nach ihrer Verzweiflungstat lässt die Optik überscharf werden, auch die kleinen Dinge in Eugen Zarters Hausmeisterwohnung verraten die Auflösung: der Tesastreifen am Foto von Karin, das von der Wand fällt, der grüne Schal an der Garderobe, Kurts schwarze Haare im Waschbecken, damit ist schon das ganze Universum des ...
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Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 148
von Marion Hirte
Belbels frühes Stück aus dem Jahre 1989 «In Gesellschaft von Abgrund» theatralisiert die Spanne zwischen dem Anfang und dem Ende eines Satzes als Abgrund zwischen zwei Menschen. Sein vorerst letztes Stück, «Wildfremde», uraufgeführt im September 2004 in Barcelona, schickt Vertreter zweier Generationen auf eine Zeitreise: Übergangslos beamt der Autor als...
… der ausgleichenden Gerechtigkeit, mit der unsere 39 Kritiker in diesem Jahr gleich vier Theater aus Hauptstadt, Nord, Süd und Ost, A- und B-Liga zum Theater des Jahres erkoren. Kopf an Kopf mit je fünf Stimmen laufen ein: Bernd Wilms’ kulturpolitisch heftig umkämpftes und schlussendlich wiedererrungenes Deutsches Theater in Berlin, Frank Baumbauers Münchner...
Das Ende der Arbeit beginnt dort, wo die menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird. Auch in Rinkes neuem Stück aus der Welt der Arbeitslosen gibt es dieses klassische Modell einer technischen Innovation, die menschliche Arbeit überflüssig macht: Der Nummernautomat in Rinkes Arbeitsamt wird umgerüstet zu einer Voicemailbox, die im Laufe der Zeit auch die...
