Die Zwiebel vorm Auge

Frankfurt bezieht Position mit Fritz Katers «abalon, one nite in Bangkok» und Martin Heckmanns’ «Die Liebe zur Leere», während Kassel mit Rebekka Kricheldorfs «Rosa und Blanca» ins Innere des Märchens zielt

Mit der normativen Grundlage der menschlichen Urteilskraft verhält es sich in etwa wie mit der Zwiebel in Ibsens «Peer Gynt». Will man zum Kern des ästhetischen Urteils vordringen, folgt Schale auf Schale, während das Auge des Betrachters der Zwiebel zunehmend selbst normative Kraft gewinnt. Wer vor lauter Tränen keine Zwiebel mehr sieht, legt sie schnell beiseite, wartet auf trockenere Zeiten und erinnert sich an den letzten Theaterbesuch.

Auch da ist das mit der Urteilskraft so eine Sache und das Auge des Betrach­ters das wichtigste Organ – selbst wenn es nässt und eine Uraufführung mit einer Podiumsdiskussion beginnt.

Ort der Handlung: Frankfurt. Auf dem Podium sitzen: Intendantin Elisabeth Schweeger, die Regis­seure Christof Nel und Armin Petras sowie Peter Iden. Der ehemalige Redakteur der «Frankfurter Rundschau» soll Moderator einer Diskussion über «Das Theater als (post-)moralische Anstalt» sein, übernimmt aber beherzt die Rolle der Zwiebel, obwohl Einigkeit herrschte, Dekonstruktion und Pop hätten letztlich doch nicht die Moral von der Bühne vertreiben können, da man sich vor allem im Theater nicht nicht-moralisch verhalten könne. Mit dem Podium wurden die «Frankfurter ...

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Theater heute März 2006
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Jürgen Berger

Vergriffen
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