Die vierte Form des Wahnsinns

Zum Tod des Schauspielers und lebenslangen Bücherhändlers Ignaz Kirchner

Der verrückte Ignaz» – so unterschrieb Ignaz Kirchner seine Postkarten, die er ohne konkreten Anlass oft an mich sandte. Es waren poetische Zurufe mit dem Bild eines Dichters meist und mit einer pointierten Weisheit, die Ignaz verkündet wissen wollte. Immer wieder mit Sätzen von Dichtern, die er gerade für sich entdeckt und ergründet hatte, für die er mit seinen Lesungen, die es in sich hatten, eintrat.

 

Ignaz war ja nicht nur äußerst belesen (er war gelernter Buchhändler und blieb es in einem anderen, gesteigerten Sinn sein Leben lang), er gab sich seinen Dichtern buchstäblich hin, als ob er ein Teil von ihnen werden möchte. Mit dem Maler und Grafiker Jan Peter Tripp, der ihn mehrfach porträtiert hat, unternahm er Wanderungen, strikt gewandet wie Robert Walser, also in Anzug und Straßenschuhen. Nein, die Dichtung war ihm nicht beiläufige Freizeitbeschäftigung, sie war ihm Existenzerrettung, um einen Begriff Thomas Bernhards zu zitieren, dessen Stücke Ignaz auch gespielt hat. Die Dichtung war ihm der rettende Sprung in die Freiheit der Poesie. Das machte ihn zu einem unabhängigen Geist, fähig zu schroffer Zurückweisung und fähig zu unerwarteter Hingabe. 

Mit absoluter Hingabe las ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2018
Rubrik: Nachruf, Seite 40
von Hermann Beil

Weitere Beiträge
Nach Rückstand Spiel gedreht

Es ist nicht so, dass es in Nürnberg seit einer Ewigkeit kein interessantes Theater gegeben hätte. Aber nach 18 Jahren, in denen Klaus Kusenberg als Schauspielchef wirkte, schlich sich das begründete Gefühl ein, hier sei irgendwie die Luft raus: das Ensemble eine eingespielte und zusammengeschworene Gemeinschaft sehr lange am selben Ort engagierter Künstler, denen...

Chemnitz: Wer wollen will

Nun hat auch Chemnitz seinen kompletten «Faust» beisammen. Schauspieldirektor Carsten Knödler eröffnet zur neuen Spielzeit mit dem zweiten Teil der Goetheschen Höllenfahrt nach dem ersten des letzten Jahres, und knüpft auf jeden Fall genau da an, wo er den Vorhang fallen ließ. Wieder gibt Philipp Otto den Gelehrten und Dirk Glodde das Teufelchen, während Marko...

Nachruf: Die raue Stimme

Seine Stimme klang wie von einer Arktis-Expedition, sein kehliges Gelächter wie ein Möwenschwarm. Sein ostinater Redefluss, den auch die Nachtank-Schlucke aus dem Weißweinglas, seine flüchtigen Züge an der Lulle nicht unterbrechen konnten, schien die ihm in die Wiege gelegte Daseins-Form zu sein. Nur wenige Zechgenossen hatten eine etwaige Ahnung davon, dass ein...