Auffallend unauffallend

Sandra Hüller singt in «Gesäubert/Gier/4.48 Psychose» eine Ode auf Sarah Kane

Schauspiel ist die Kunst des Moments, es soll hier und jetzt ent­stehen. Auch wenn eine Vorstellung schon 50 Mal gespielt wurde, soll es für das Publikum das erste Mal sein, dass der Schauspieler den Text spricht. Deswegen sage ich oft zu den Schauspielern: Spielt durch die Form hindurch, die Form soll dich nicht hemmen. Die Rückseite der Form soll klar, das Denken soll sichtbar werden. Es ist ein zum Scheitern verdammtes Unternehmen. Aber genau darin zeigt sich Schauspiel als etwas Menschliches. Die Akzeptanz des Scheiterns ist für mich die Schauspielkunst.

Deswegen finde ich das deutsche Wort «proben» – auf Niederländisch «proberen», «versuchen», stimmiger als das französische «répéter», etwas «wiederholen».

Sandra Hüller arbeitet meiner Meinung nach im Sinne des Versuchs. Für sie gibt es für jede Wahl eine gegensätzliche Möglichkeit. Eine genaue Textbehandlung durchschneidet sie mit einem hohen und lauten Schrei, als würde der Nachbarkatze der Hals umgedreht. Das Publikum erschreckt sich zu Tode, der Regisseur ist der Schauspielerin dankbar. Was sie will: Ich will, dass Sie, verehrtes Publikum, auf der Kante Ihres Stuhls sitzen und dass Sie zuhören. Ich habe etwas zu erzählen, ...

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Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 95
von Johan Simons