Die Kunst der Inventarisierung

Während sich die politischen Ungleichzeitigkeiten annähern, sucht man nach neuen Strategien des Erzählens – Eindrücke von der 10. Theaterbiennale in Wiesbaden und Mainz: Neue Stücke aus Europa

Idealtypischer könnte so ein Tag in Wiesbaden kaum enden. Da kommt man von einem spätnachmittäglichen Ausflug von der russisch-orthodoxen Kapelle auf den begrünten Hängen des Nerobergs zurück zum alten Kurzentrum mit seiner klassizistischen Spielbank, in der schon Fjodor Dostojewski den einen oder anderen Rubel verjubelte. Und gleich nebenan im Staatstheater geht der Spaziergang gewissermaßen imaginativ weiter, dank Joël Pommerat und seinem Bilderreigen «Kreise/Fiktionen» (produziert mit seiner Compagnie Louis Brouillard für Peter Brooks Pariser Théâtre des Bouffes du Nord).



In gedämpftem Licht versucht hier ein alternder Aristokrat seine Dienstverhältnisse auf freie Lohnarbeit umzustellen, nicht zuletzt um dadurch intimer mit seinem Diener werden zu können. Das Spiel ist still und kühl, von minimalistischer Klaviermusik ummantelt und mit einem ausgeklügelten Duftdesign grundiert. Und während im Dunkel zwischen den kurzen Szenen die grünen Lampen an den Biennale-typischen Übersetzungsgeräten rundherum wie Glühwürm­chen leuchten, meint man: Ja, so könnte es auch in den Gründerzeitvillen draußen auf der Wilhelmstraße zugegangen sein, als der Adel das politische Regime samt ...

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Theater heute August / September 2010
Rubrik: Festivals, Seite 20
von Christian Rakow

Vergriffen