Die Berufungsfarce

Wie Attila Vidnyánszky zum neuen Intendanten des Nationaltheaters in Budapest wurde

Theater heute - Logo

Seit Kaiser Franz Josephs Zeiten (bis zur Ära des János Kádár) haben Politiker entschieden, wer Intendant des Nationaltheaters wird. Ich verstehe nicht, wieso sie jetzt unbedingt diese Wettbewerbsfarce brauchen», bemerkte Mari Törocsik, eine der bekanntesten ungarischen Schauspielerinnen und Mitglied im so genannten «professionellen Komitee», das über die neue Leitung des Nationaltheaters zu entscheiden hatte.

Sie hatte als einzige für den Amts­inhaber Róbert Alföldi gestimmt; als das Ministerium allerdings den längst schon vorhergesagten Namen des Siegers bekanntgab, wurde ihr Votum nicht erwähnt: «Einstimmig» habe sich das Gremium für Attila Vidnyánszky entschieden. Die alte Schauspielerin, Ensemble­mitglied des Nationaltheaters, die als durchaus konservativ gilt, war wütend und fühlte sich gedemütigt. Es war das Ende eines langen, traurigen Prozesses, Teil des gegenwärtigen ungarischen Kulturkampfes. Der lang erwartete Traum der extremen Rechtspartei Jobbik, den als «jüdisch» und «schwul» geschmähten Alföldi loszuwerden, war wahr geworden.

Geschichte eines «Wettbewerbs»

In einem Land, in dem Künstlerische Leiter in der Regel fünfzehn bis zwanzig Jahre auf ihren Posten bleiben, ist ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2013
Rubrik: Magazin: Kulturpolitik in Ungarn, Seite 67
von Andrea Tompa

Weitere Beiträge
Frauenterror

Im Juli 2012 betritt James Eagan Holmes ein Kino in der Kleinstadt Aurora, Colorado, durch den Notausgang, wirft zwei Ladungen Tränengas ins Publikum und erschießt zwölf Be­sucher. Nur drei Wochen später tötet Wade Michael Page sieben Mitglieder eines Sikhtempels in Oak Creek, Wisconsin. Ende September erschießt Andrew J. Engeldinger fünf ehemalige Kollegen in...

Die große Flucht

Das vergangene Isra-Drama-Festival, die jährliche Leistungs- und Verkaufsschau der israelischen Theaterszene für Regisseure, Dramaturgen, Intendanten und Literaturagenten aus der ganzen Welt, wäre fast ausgefallen. Der Nahostkonflikt war in eine neue Phase getreten. Selbstmordanschläge erschütterten das Land, die Hamas schoss Mittelstreckenraketen auf israeli­sche...

Große alte Männer

Wie humorlos. Eine «Machtdemonstration der ganz zynischen Art» sieht die gutbürgerliche «Neue Zürcher Zeitung» in Klaus Wowereits hartnäckigem Festhalten am Berliner Bürgermeisterstuhl, obwohl er doch als Aufsichtsratschef der Berliner Flughafengesellschaft die Verantwortung für milliardenschwere Fehlplanungen trägt. Gar «Schlawinerhaftigkeit, Selbstüberschätzung...