Der suggestive Mittelpunkt

Das Buch der Bücher – ein Handbuch der Regiebücher vom Mittelalter bis Frank Castorf

Theater heute - Logo

Der Titel «Das Regiebuch. Zur Lesbarkeit theatraler Produktionsprozesse in Geschichte und Gegenwart» verspricht eine eher abschreckend verschraubte theaterwissenschaftliche Abhandlung, erweist sich aber als ein anregendes, gut lesbares Standardwerk über Regiebücher vom Mittelalter bis in unsere unmittelbare Gegenwart.

Die Beiträge des von Martin Schneider herausgegebenen Kompendiums beschreiben und analysieren das Regiebuch als ein Medium, das mehrere Aspekte hat und Grundlage für die Aufführung ist, sowohl für die Interpretation, die dramaturgische Einrichtung und die Inszenierung auf der Bühne als auch zur Grundlage für deren Reproduzierbarkeit dienen muss. 

Die Beiträge widmen sich schon den Regiebüchern des Mittelalters: beschriftete Pergamentbzw. Papier-Rollen, die für die Aufführung von Passionsspielen benutzt wurden. Es sind Rollenbücher, die keinen Autor haben, in denen die Figuren, deren Gänge, Arrangements oder Liedeinlagen festgehalten sind, damit die Aufführung, die Organisation des Spielablaufs, wiederholt werden kann, oft ergänzt durch Soufflier-Rollen mit den zu sprechenden Texten. 

Aus der Barockzeit sind viele Dramendrucke mit üppigen Paratexten und Anmerkungsappa ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 1 2023
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Klaus Völker

Weitere Beiträge
In Armut scheitern

Während die Britin Caryl Churchill den «Europäischen Dramatiker:innen Preis» 2022 des Schauspiels Stuttgart, dotiert mit 75.000 Euro, am Ende doch nicht erhielt (vgl. TH 12/22), wurde der mit 25.000 Euro dotierte «Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen-Preis» tatsächlich an die Ukrainerin Lena Lagushonkova, Autorin von bisher acht Theaterstücken, verliehen. Der...

Kunst und Gewalt

Wie spielen mit der Erinnerung? Was hilft, was verfälscht, welche Grenzen sind zu respektieren, welche gilt es zu überschreiten? Für die Münchner Kammerspiele hat Nuran David Calis ein Stück über die frühen 1990er Jahre und die menschenverachtenden Anschläge von Mölln geschrieben, aus Sicht einer türkischstämmigen Familie, die nicht unmittelbar betroffen ist und...

Die Erfindung des Stahlseils

 

Die interessanteste Figur in diesem Stück heißt «Ich» (Alrun Hofert) und ist schwer greifbar. Es handelt sich um ein Atom oder Molekül, irgendein winziges Stück Materie, das immer schon da war und im Lauf der Jahrtausende so einiges mitgemacht hat. So eine Kontinentalverschiebung etwa ist ja keine Kleinigkeit. In jüngster Vergangenheit hielt es sich im Körper...