Der Staat regiert

Was Ausländer über den Fall Kirill Serebrennikov wissen müssen – sieben Anleitungen

Theater heute

Zur Petitiion «Freiheit für Kirill Serebrennikov»
https://www.change.org/p/die-russische-staatsanwaltschaft-freiheit-fuer-kirill-serebrennikov-freekirill

1) In welchem politischen Kontext steht die Angelegenheit?
Einer der Hauptoppositionellen im gegenwärtigen Russland und der einzige Mensch, der Wladimir Putin theoretisch in den bevorstehenden Wahlen Konkurrenz machen könnte, Alexei Anatoljewitsch Nawalny, führt gerade einen Kreuzzug gegen Korruption, genau die, die in den höheren Rängen der Mächtigen Russlands gedeiht.

Besonders große Resonanz hatte kürzlich ein YouTube-Clip, in dem er unmissverständlich erklärt, welchen Finanzierungskonstruktionen sich Premierminister Dmitri Medwedev bediente, um geheimer Besitzer riesiger Paläste in verschiede­nen Teilen der Welt zu werden. Jeder kluge Mensch kann das im Clip über den Premierminister Gesagte ohne Mühe auf den Präsidenten und seine Umgebung übertragen. Die Angelegenheit Kirill Serebrennikov ist, neben einigen anderen, noch eine der direkten Antworten der russischen Macht auf die Enthüllungen Nawalnys.

Der Kreml zieht es seit Langem vor, «symmetrisch» zu antworten: Sammeln sich in Moskau Protestierende zu einem Meeting gegen unfaire Parlamentswahlen, gibt es kurz darauf ein sogenanntes «Puting» zur Unterstützung der Staatsmacht. Unter Androhung von Entlassung bei Nichterscheinen werden dazu Staatsangestellte zusammengezogen. Hat also ein Oppositionsvertreter Enthüllungen zum Finanzgebaren mächtiger Regierender gemacht, folgt darauf eine gezielte Enthüllung in die Reihen der Opposition hinein. Diese Verlautbarungen, versteht sich, erfolgen laut, enthüllen Namen und finden in aller Öffentlichkeit statt.


2) Warum wurde für diese Enthüllung ein Theater­regisseur und kein Oppositionspolitiker ausgewählt?

Praktisch alle großen Theater in Russland erhalten Zuschüsse aus dem Staatsbudget. Unterhalten werden sie von staatlichen Strukturen, die Gebäude, in denen sie sich befinden, gehören dem Staat. Mit anderen Worten: Russische Theatermacher hängen viel mehr von der russischen Regierung ab als Schriftsteller, Komponisten, Filmemacher, Journalisten und selbst politische Aktivisten. Die Gesetzgebung in diesem Fall ist so absurd konstruiert, dass im Theater im Prinzip alles schier unmöglich wäre, wenn man nicht diese Gesetze dauernd bräche. Würde ein Direktor streng nach dem Gesetz handeln, kämen weder Theaterkostüme noch Toilettenpapier pünktlich vor Ort. Damit ein Theater funktioniert und Vorstellungen produziert werden können, hat jeder Direktor, ohne Ausnahme, Gesetze zu brechen. Und jeder, der seine Unterschrift auf Finanzdokumente zu setzen hat, unterzeichnet in einem gewissen Sinn ständig eigene Todesurteile. Das macht die Theatersphäre sehr praktisch für Enthüllungen: Korruption lässt sich von den Behörden immer, und zu gewünschter Zeit, einem (der Macht nicht genehmen) Menschen vorwerfen.


3) Warum fiel die Wahl gerade auf Kirill Serebrennikov?
Der Schöpfer des legendären Gogol Center ist eine Symbolfigur für das russische Theater. Und: Er verkörpert in unserer Theaterwelt auch immer noch etwas ganz Besonderes. Er hat keine Theaterhochschule abgeschlossen wie die überwiegende Mehrheit der russischen Regisseure, und trotzdem wurde er zu einem der bekanntesten Regisseure, zuerst in Russland und später im Ausland. Schon immer hat er massiv die Eifersucht und den Ärger der russischen Theater-Konservativen auf sich gezogen, die glauben, dass der Ruhm des «Laien ohne Diplom» nur auf seiner Zerstörung der russischen Theatertradition fußt. Während der Präsidentschaft Dmitri Medwedevs (2008–2012) war offiziell Modernisierung angesagt, und so stießen die Storys der Theater-Konservativen über den schrecklichen Zerstörer der russischen Traditionen nur intern auf Interesse oder maximal bei deren Familien. Im politischen Establishment dieser Jahre gab es sehr viele Fans für Serebrennikovs Inszenierungen, gespielt an den besten Häusern, von den besten Schauspielern. Einer dieser Fans, der ehemalige Leiter der Moskauer Kulturabteilung bei der Stadtregierung, Sergei Kapkov, initiierte für Serebrennikov die Gründung des Gogol Center, das 2012 in der Ära der Modernisierung gegründet wurde.

Im selben Jahr wird Wladimir Putin für eine dritte Amtszeit Präsident und reißt den politischen Trend herum. Von Modernisierung kein Wort mehr, das Land beginnt, sich an konservativen Werten zu orientieren. Im Jahr 2012 wird Wladimir Medinski Kulturminister der Russländischen Föderation. Der Patriot durch und durch und heftige Anti-Westler versammelt alle Konservativen der Kultur um sich, ganz besonders die Theater-Konservativen.

Im Jahr 2013 wurde Kapkov vom Posten des Leiters der Moskauer Kulturabteilung entlassen, was die Konservativen heimlich freute. Es folgten zahlreiche Denunziationen, die Serebrennikov beschuldigten, die Theatertraditionen zu verletzen, und ihn auch der «Förderung von Homo­sexualität» bezichtigten, zusammen mit der Verwendung von Schimpfwörtern, die Gefühle Gläubiger beleidigen – bis hin zur Unterschlagung von Haushaltsmitteln, ein wirklich gefährliches Gemisch. So wurde Serebrennikov zu verschiedenen Vernehmungen im Zusam­menhang mit zahllosen Denunziationen geladen. Was am 23. Mai 2017 passierte, ist die Apotheose dieser seit Langem sich hinziehenden Geschichte.


4) Wie ist es passiert?

Am frühen Morgen des 23. Mai begannen Durchsuchungen an 17 Orten in Moskau gleichzeitig, darunter im Gogol Center selbst. Zufällige Passanten waren überzeugt, Augenzeugen einer Bombendrohung zu sein: Das Theatergebäude wurde weitläufig abgesperrt, Menschen in Schutzmasken patroullierten. Im Haus indes wurden alle Schauspieler und Mitarbeiter auf der Bühne zusammengetrieben, ihrer Telefone entledigt und in den Räumlichkeiten festgesetzt.

Das Unfassliche an dieser Geschichte ist, dass die eingeleitete Untersuchung in keinerlei Beziehung zum Gogol Center selbst steht. Untersucht werden sollte eigentlich die unabhängige Non-Profit-Organisation «Das siebte Studio», gegründet im Jahr 2011 von Serebrennikov für seine Studenten der Hochschule des Moskauer Künstlertheaters, und die dazugehörige Organisationsstruktur «Plattform». Mit der Gründung des Gogol Center 2012 hatten «Das siebte Studio» und «Plattform» praktisch aufgehört zu existieren. Und plötzlich erinnerte man sich ihrer und fand finanzielle Unregelmäßigkeiten.
Doch warum gibt es einen Skandal um «Das siebte Studio» und «Plattform» und nicht um das Gogol Center?

Wird das Gogol Center von der Moskauer Stadtregierung geführt, so ist das Projekt «Plattform» vom Ministerium für Kultur gefördert, und dort regiert Staatsstruktur, geleitet vom konservativen Patrioten Wladimir Medinski. Der verschanzt sich im Kulturministerium hinter all den Frömmlern und Neidern, die aus ihrem Hass auf Serebrennikov nie einen Hehl machten. Und nun, da der Kampf gegen Korruption eröffnet ist, ist ihre Zeit gekommen, sich in Bewegung zu setzen.


5) Was will die Macht erreichen?
Während Menschen in Schutzmasken durch das Theater stürmten, wurde die Wohnung von Kirill Serebrennikov durchsucht. Er selbst und seine Assistentin Anna Schalaschowa wurden in Untersuchungshaft genommen und erst kurz vor Mitternacht wieder freigelassen. Wenig später erst wurden der Direktor vom «Siebten Studio», Juri Itin, und sein Buchhalter verhaftet. Im Gegensatz zu Serebrennikov sind die beiden es, die Unterschriften auf Finanzdokumente setzen und damit die Hauptangeklagten eines Prozesses sein können.

Den berühmten Regisseur sollte bei diesem Anblick das Gewissen quälen: Er ist noch auf freiem Fuß, die beiden anderen schon nicht mehr. Und alles funktioniert mal wieder nach der schon bekannten «jesuitischen-Methode» der Machthaber. In ähnlicher Weise hatte der Kreml Aleksei Nawalny freigelassen, aber seinen Bruder Oleg Nawalny des Finanzbetrugs bezichtigt und in Gewahrsam genommen. Allerdings: Das spielte sich nicht in der Theatersphäre ab. Die Vorwürfe, gerichtet an die Leiter des «Siebten Studio» und von «Plattform», klingen so absurd, dass es sogar peinlich ist, sie laut auszusprechen. Laut den Ermittlern sind von den 200 Millionen Rubel, die für diese Projekte zugewiesen wurden, genau 200 Millionen Rubel unterschlagen worden – während «Plattform» gleichzeitig eine Unmenge an Theaterpremieren, Konzerten, Führungen und Diskussionen produzierte. Sie alle wurden rezensiert und von massenhaft Zuschauern besucht. Allerdings: Finanzielle Unregelmäßigkeiten sind in der Theatersphäre immer nachweisbar (siehe Punkt 2). Serebrennikov ist in diesem Fall vorerst nur als Zeuge aufgerufen. Das wichtigste Wort in diesem Satz ist «vorerst». Und die Behörden haben noch einen unmissverständlichen Hinweis mitgegeben: Ein Ausreiseverbot wurde nicht ausgesprochen. Das heißt: Fahr doch ins Ausland, solange das noch geht! Wandere doch aus, wir brauchen dich hier nicht! Wenn du dich widersetzt, bist du nicht mehr Zeuge, sondern Angeklagter.

Und damit entschiede sich auch noch eine andere Sache: Das Gogol Center ist nicht nur eines der besten Theater in Russland. Es ist der Ort, um den sich liberal und oppositionell eingestellte Menschen versammeln, es ist ein Vorposten der Suche und des Avantgarde-Theaters.

Formal ist das Gogol Center vom Finanzskandal völlig ausgenommen, aber in Wirklichkeit wird es durchsucht. Und: Die Medien der Masseninformation sind in Russland schon lange zu Medien der Massendesinformation geworden. «Der Direktor des Siebten Studios im Fall um das Gogol Center verhaftet» – so absurde Schlagzeilen erscheinen in Hülle und Fülle in der russischen Presse. In das Bewusstsein der «Menschen auf der Straße» wird konsequent eine einfache Idee transportiert: Bekennen sich Menschen zu westlichen Werten (das heißt: nichtrussische Werte) und lieben sie auch noch zeitgenössische Kunst, dann stehlen sie, auf jeden Fall!


6) Was kann Serebrennikov jetzt retten, und alle, die mit ihm verbunden sind?
Da Gesetz und Gerichtsverfahren in Russland nur Spielarten von Imitationen sind, kann man weder auf eine faire Untersuchung noch auf ein faires Verfahren und ein gerechtes Urteil hoffen. Das Einzige, was hier helfen kann, ist bekannt: Künstler werden den Präsidenten friedlich stimmen müssen, den geliebten Regisseur und sein Umfeld in Ruhe zu lassen. Berühmte Künstler braucht der Präsident, und er kann auf sie hören. Denn wenn 2018 die nächsten Wahlen stattfinden, wird er auf jeden Fall Künstler bitten, in Videos zu seiner Unterstützung aufzutreten. Und das werden sie auch machen.


7) Was folgt aus alledem?

Eine Wohnungsdurchsuchung bei einem Regisseur – das ist etwas Neues, auch für das Putin-Regime. Dass hinter jedem «lauten» Finanzfall in Russland immer etwas Politisches steckt, ist lange bekannt. Nun gesellt sich die Ästhetik hinzu. Das bedeutet: Sich mit zeitgenössischem Theater zu beschäftigen, ist ab sofort genauso gefährlich, wie politischer Aktivist zu sein. Vielleicht sogar noch gefährlicher.
(Übersetzung aus dem Russischen von Stefan Schmidtke)


Theater heute Juli 2017
Rubrik: International, Seite 6
von Marina Davydova

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