Der Kompass zittert

Roland Schimmelpfennigs erster Roman steht auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse

Theater heute - Logo

Irgendwann während der Lektüre von Roland Schimmelpfennigs erstem Roman «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts» werden einem mit Sicherheit Titel früherer Theaterstücke des Autors einfallen: «Aus den Städten in die Wälder, aus den Wäldern in die Sädte» etwa; dann vielleicht «Für eine bessere Welt» oder «Die vier Himmelsrichtungen», «Ende und Anfang» oder «Das Reich der Tiere».

Mit all diesen Titeln lässt sich der irdische Kosmos abstecken, in dem sich dieser Roman ereignet, und wir begegnen solchen Figuren wieder, wie wir sie von der Bühne kennen. Es ist der Ort gleich nebenan, den man übersieht und an dem sich Weltstürzendes im banalen Alltag der Menschen ereignet; es sind diese Menschen, an denen wir vorübergehen, unerkannt und uninteressiert, mit und in denen jedoch im selben Moment eine ungeheuere Veränderung stattfindet: Das Leben gerät aus den Fugen, der vertraute Boden unter den Füßen beginnt zu schwanken.

Tatsächlich führt Schimmelpfennig seine Helden von den Rändern der Stadt hinein nach Berlin und immer wieder zurück, in alle Richtungen, die der zitternde Kompass anzeigt; diese Frauen und Männer, die sich an Wünschen festklammern, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2016
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Bernd Noack

Weitere Beiträge
Gemeinsam einsam

Die Jugendstilbühne der Münchner Kammerspiele liegt in tiefem Nebel. Von goldgelbem Licht durchglühte Trockeneisschwaden dampfen aus der Nebelmaschine. Auch der Nieselregen vom Theaterhimmel sowie die federleichten Felsbrocken und Grasbüschel, die fünf hemdsärmelige Arbeiter in diesem hochwandigen Museumsmagazin bereits ausgiebig von vorne nach hinten geräumt...

Sinn & Bühne: Die Frage des Planeten

Der Schauspieler Ulrich Matthes registriert seit Längerem ein gewisses Unbehagen an der (Bühnen-)Kultur. «Viele Menschen können mit dem Theater nichts rechtes mehr anfangen», sagte er in seinem Eingangsstatement zum Symposium «Was soll das Theater?» in der Berli­ner Akademie der Künste, das er als Direktor der Sektion Darstellende Kunst aus besagtem Grund selbst...

Ich ist ein Arschloch

Ich bin auch nur ein Arschloch», outete sich Milo Rau unlängst in der Schweizer «Sonntagszeitung». Der Grund, in Kürze: Unser aller eurozentristische Betroffenheitskultur – vulgo: Mitleid – angesichts der weltpolitischen Lage verschiebe real zu führende Debatten in symbolische Entlastungsräume und mache uns somit zu «zynischen Humanisten».
Knackige, aber korrekte...