Der brutal stabile Kern

Darja Stocker: «Nachtblind»

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Szene 34 oder 0: Nach der Schlägerei. Zwei junge Menschen liegen vor dem Schuppen und stellen sich vor: Er heißt Moe, sie heißt Leyla, und zwischen ihnen hat es gleich gefunkt. Da stecken Erwartungen drin, behauptet Leyla, in dem Namen, den Eltern einem geben und dem man dann gerecht werden muss. Ihrer kommt von Leila Khaled. Die Terroristin, sagt er. Die Freiheitskämpferin, korrigiert sie. 

Leyla führt das Wort. Und ihren neuen Bekannten zum Bahndamm unter den Hochspannungsleitungen.

Von hier aus könnte Moe sie sehen, die farbenfrohen Graffiti in schwindelerregender Höhe auf dem höchsten Kamin eines Fabrikgebäudes – wäre er nicht nacht- und farbenblind. «Luftsch» steht da – weiter sei sie nicht gekommen, sagt Leyla, obwohl «der Große» sie bei den ganz hohen immer auf die Schultern nimmt. Egal. Können vier Buchstaben nicht übertüncht werden, weil man sie eh nur im Kopf ergänzt – «… loss». Auch ein Sieg.

Darja Stockers Debutstück «Nachtblind» beginnt ganz harmlos: Großstadtkids, Liebesgeschichte, aufgeklärte Eltern aus dem altlinken Spektrum, deren Jargon die schlaue Tochter aufgreift und zur Flirtwaffe umbaut. Spröde, witzig und klug. Kein Satz zu viel. Man folgt der Fährte, die ...

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Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 166
von Regina Guhl

Vergriffen
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