Denkt an eure Seele!

Komplexitätsreduktion und -produktion: Michael Thalheimer presst Tolstois «Macht der Finsternis» unter die Erde, Jette Steckel führt Gorkis «Kleinbürger» aufs offene Feld der Gegenwart. Von Eva Behrendt

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Nein, in der Haut dieses Mannes möchte man nicht stecken.

Dass der Knecht Nikita das arme Waisenmädchen Marinka hat sitzenlassen, dass er im Verbund mit seiner intriganten Mutter und der Geliebten Anisja deren Mann Petr, seinen einstigen Herrn, vergiftet hat, dass er wiederum Anisja das Erbe entwendet und es mit deren Stieftochter Akulina verprasst hat – all das hat er lange Zeit verdrängen oder anderen in die Schuhe schieben können: Die Frauen sind ihm nachgelaufen, sowas kommt alle Tage vor, was kann man ihm schon vorwerfen? Jetzt aber hat Nikita eine Schwelle überschritten, an der ihn seine Taten nicht mehr loslassen. Er hat sein eigenes, eben erst von Akulina geborenes Kind im Keller zerquetscht und ist außer sich: «Es wimmert! Es wimmert!», jammert er. «Wie seine Knochen geknackt haben unter mir! Krrr … krrr … Was haben sie mit mir gemacht?»

Kriechen, wieseln, wetzen

Dieser Mord und der Schuldhorror, den er hervorruft, gehört zu den grausigsten Szenen der Dramenliteratur. Trotzdem wird Leo Tolstois dramatischer Erstling «Macht der Finsternis» (1886) nur selten gespielt – vielleicht, weil er so überaus religiös und moralisch grundiert ist. Der Matthäus-Vers «Ich aber sage euch: ...

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Theater heute Juli 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 28
von Eva Behrendt

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