Unwählbar bleiben

Vom Imperativ «Mehr Demokratie wagen» zum «Wagnis Demokratisierung» ist es, das hat der Politikwissenschaftler Herfried Münkler im Märzheft von «Theater heute» demonstriert, mitunter nur ein kleiner Schritt. Nach Antworten von Sepp Bierbichler, Armin Petras, Thomas Ostermeier und Joachim Lux erzählt nun THOMAS OBERENDER von einer Begegnung der außerdemokratischen Art – mit Jonathan Meese, dem Musketier seiner Majestät der Kunst

Unlängst war ich am Theater Essen während einer Performance des bildenden Künstlers Jonathan Meese sein Gesprächspartner. Von meiner Rolle als Moderator kann ich nur mit einem gewissen Schweigen in der Stimme sprechen, und doch eröffnete sich eine Form von anregendem Dialog, in dessen Zentrum das gemeinsame Hören und Deuten 

verschiedener Kapitel aus Homers «Odyssee» stand. Dies geschah anhand eines EUROPA-Hörspiels «mit vertrauten Stimmen, spannender Musik und Geräuschen» aus dem Jahr 1967, das Jonathan Meese noch aus Kindertagen über weite Teile mitsprechen konnte.

Für ihn war Odysseus nicht wie bei Adorno und Horkheimer der prototypische Bürger, der Urahn der gespaltenen Persönlichkeit des modernen Menschen, sondern eine Ausnahmegestalt, die ihr Überleben dem Umstand verdankt, dass sie sich als einziges Mitglied der Crew der Verbürgerlichung entzieht. Und mit dieser Lesart der «Odyssee» schloss Jonathan Meese an sein vorab dargelegtes Manifest gegen die «Weltdiktatur der Demokratie» an, das der Prolog jener gesprächsweise vorgetragenen Austrittserklärung aus der Welt der Demokratie, ihrer Werte, Leistungen und Versprechen war. 

 

Meeses Mission

Es ist eine Sisyphus-Arbeit, sich ...

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Theater heute Juni 2010
Rubrik: Demokratisierung, Seite 40
von Thomas Oberender

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