Das Wesen der Kultur

... ist lernen, nicht lehren, Zerbrechlichkeit statt Stabilität, wechselnde Interpretationshorizonte statt dogmatischer Gewissheiten. Der Zuschauer darf bei diesem Prozess teilnehmen, durchaus aber auch ein Beobachter zweiten Grades bleiben.

Die, der, und, in, zu, den, das, nicht» … exakt einhundert deutsche Worte machen circa fünfzig Prozent unseres Alltagswortschatzes aus. In Lukas Bärfuss’ Schauspiel «Öl» übt Eva Kahmer, die ihrem von der
Ölsuche besessenen Mann in eine entlegene Region Europas gefolgt ist, diese sinnlos aneinandergereihten Wörter in verbissener Unnachgiebig­keit mit Gomua, ihrer einheimischen Bediensteten.

Als dieses skurrile Training schließlich erfolgreich bestanden ist, fragt Gomua mit trockener Lakonie: «Und was nützt mir das?» Ja, was nützt ihr dieser Wortschatz, was nützt ihr aber auch die Kenntnis eines Gedichts von Joseph Eichendorff, den sie mit Rainer Maria Rilke verwechselt oder das Lied von der Loreley, das sie gleichfalls auswendig hersagen kann? Keinerlei kulturelle Alltagserfahrungen schlagen die Brücke zu diesem angelernten Kunstwissen. Was vermittelt sich für Gomua durch diese herrschsüchtig auftretende Kultur außer Fremdheit und Demütigung? Dabei verbirgt Eva Kahmers hegemonialer Gestus, ihr Stolz auf die importierte Kultur, nur mühsam das Angelernte und nicht Angeeignete dieser Geschichtsspur.

Da alle großen Kulturen geprägt sind von Durchlässigkeit und von der Aufnahme anderer ...

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Theater heute August / September 2010
Rubrik: Debatte, Seite 46
von Ulrich Khuon

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