Niemand will wissen, wo Süden ist

Biljana Srbljanovic über ihr neues Stück «Heuschrecken», über Serbien nach dem Mord an Djindjic und dem Tod Milosevics, über Geschichte, Generationen und eine offene Zukunft

Franz Wille «Heuschrecken», Ihr neuestes Stück, kann man als Fortsetzung der «Belgrader Trilogie» und «Familiengeschichten. Belgrad», den Serbien-Stücken von Mitte und Ende der neunziger Jahre, lesen. Seitdem ist viel geschehen. Milosevic ist tot, die EU wächst und wächst, Serbien ist ein – na, fast – demokratischer Staat. Alles hat sich bestens entwickelt? 

Biljana Srbljanovic Nichts ist gut. Natürlich wächst die EU, aber der Abstand zwischen den alten westlichen Kernländern und den osteuropäischen Staaten ist und bleibt riesig.

Das Problem dieser Länder ist entweder der Nationalismus oder die Korruption oder beides. Es gibt keine wirksame Handhabe dagegen. Und wenn wir beides eines Tages wirklich in den Griff bekommen, was erwartet uns dann? Ein neoliberaler Kapitalismus? Für Serbien im Besonderen liegt ein EU-Beitritt in sehr weiter Ferne. Und wie wird die EU in zehn Jahren überhaupt aussehen? Es ist ein Hindernisrennen mit sehr offenem Ende.

FW Wenn Sie zurückdenken an den Herbst 2000, als Milosevic abgelöst wurde – haben Sie diese Entwicklung erwartet, gab es andere, größere Hoffnungen?

Srbljanovic Ich schäme mich so, wenn ich daran zurückdenke. Entweder war ich so dumm oder ...

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Theater heute Juni 2006
Rubrik: Das Stück, Seite 40
von Franz Wille

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