«Das Ordentliche müsst ihr nicht spielen. Das kommt von allein»

Jürgen Gosch probt Tschechows «Die Möwe»

10. November 

Leseprobe. Die Schauspieler, die Gosch um sich versammelt hat, haben alle schon mit ihm gearbeitet. Sie sind dabei gut gefahren. Jeder von ihnen weiß um seine Krankheit. Er beginnt mit der Bitte, man möge ihn nicht an den Schultern berühren. Die Metastasen seines Tumors haben sich unter die rechte Schulter geschoben. Angela Schanelec hat das Stück neu übersetzt. Sie hat einen Ton gefunden, der anklingen lässt, was Gosch in seinen letzten Arbeiten anstrebte: eine von allen Schlacken des Abgelebten befreite Gegenwärtigkeit. 

 

11.

November

Wie zur Beschwörung der Angst vor dem Spielen bricht vor der ersten szenischen Probe eine Debatte über Kostjas «Theater der neuen Formen» aus. Wie soll man es präsentieren, wenn man’s nicht ironisieren will? Man ist sich einig, dass die Aufführung hier schon entgleisen kann. Bei der Uraufführung hatte das Publikum den Eindruck, dass es zum Lachen gebeten ist, und hat sich wohl bis zum Schluss dran gehalten. Gosch will jeden Naturalismus (Mond, Bretter, Vorhang, Schwefel) vermeiden. An der Rampe soll ein Flussstein liegen. Er soll Kostja als Bühne dienen. Aber wie soll gespielt werden?

 

Tschechow hat das Theater der Arkadina, von dem ...

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Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Die Inszenierung des Jahres, Seite 104
von Michael Eberth

Vergriffen
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