Das isch d Situation

Sebastian Nübling, «Der Revisor» in Zürich

Mit Easy Listening beginnt der Abend: softe Loungemusik (Carlos Santana) vor geschlossenem Vorhang, das Saallicht noch an, einzig ein Diener mit geschlossenen Augen drückt sich an den Rand des Bühnenportals. Stumm steht er da vis-à-vis des Publikums, wie sein blickloses Spiegelbild. Lang dauert die Musik (gespielt von Lars Wittershagen), sehr lang, zehn Minuten, zwölf Minuten, der Sound ist süffig, keine Frage, und endlich findet er auch zu einem Schluss. Stille, steigende Spannung, wird sich nun der Vorhang heben? – und der Soundtrack hebt wieder an.

Lang genug, um zu merken: Das ist gar kein Vorhang, das ist die Tapete, im selben lachsrosa Seidenstoff und mit der gleichen Prägung wie rundum, eine vierte Wand, aber nicht des Bühnen-, sondern des Zuschauerraums. Sehr deutlich ist dies alles, sehr symbolhaltig: der blicklose Zuschauer gegenüber, die Bühne, die keine ist, sondern Fortsetzung des öffentlichen Raums ... und richtig klingelt dann auch in der dritten Zuschauer­reihe ein Handy, Maria Antonowna, die Tochter des Stadtpräsidenten (Franziska Machens), ein Plastic-Cüpli in der freien Hand, naja, sie sei jetzt grad im Theater, meint sie. Der Stadt­präsident selbst spricht ...

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Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Andreas Klaeui

Vergriffen
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