Das abgebrochene Experiment
Abermals ein verpasster Aufbruch. Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg bleiben nicht über 2024 hinaus am Schauspielhaus Zürich. Zuletzt erwiesen sich ihre Verlängerungsverhandlungen mit dem Verwaltungsrat und der Stadt als derart zäh, dass man sich eine gemeinsame Zukunft nicht mehr vorstellen mag.
«Leider konnten wir uns trotz großem Bemühen auf allen Seiten angesichts der finanziellen Herausforderungen, gerade auch in der schwierigen Zeit nach Corona, nicht auf eine gemeinsame betriebswirtschaftlich strategische Ausrichtung des Schauspielhauses verständigen», hält der Verwaltungsrat fest.
Vor Kurzem hat die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei den Kampf gegen «Woke-Kultur» ins offizielle Parteiprogramm genommen. Zum Halali geblasen hatte der abtretende SVP-Bundesrat Ueli Maurer mit dem grandiosen Satz, es sei ihm eigentlich gleich, ob ihm eine Frau oder ein Mann im Amt nachfolge, «solange es kein Es ist, geht es ja noch» – und der darauffolgenden wenig staatsmännischen Verweigerung von Gesprächsangeboten, zum Beispiel seitens Kim de l’Horizon.
Wokeness ist in der Schweiz mit der üblichen helvetischen Verzögerung am Stammtisch angekommen. Da dient der Begriff als ...
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Theater heute März 2023
Rubrik: Kulturpolitik, Seite 48
von Andreas Klaeui
Da steht es, das vielgepriesene Werk. Hoch auf der Statue, wie ein Denkmal. Die Taschenbuchausgabe von Albert Camus, «L’Étranger», «Der Fremde». Immer noch einen Gipsblock schichten die Schauspieler auf, um das Werk des Nobelpreisträgers in schwindelerregende Höhen zu hieven. Aber steht es da richtig, so weit oben?
Nein, sagt Mounir Margoum. Camus schreibt,...
Im Grunde ist das Theater Meiningen ein klassizistisches Resultat von deutscher Kleinstaaterei und Geltungssucht. Das Große Haus, 2010 komplett saniert, mit seinen sechs prunkvollen ionischen Säu -len, gelegen in einem Park mit originalen Fake-Ruinen, ist eigentlich viel zu groß für die 25.000-Einwohner-Stadt im Thüringer Wald. Weitab von jeder Metropole hat...
Ziemlich sportlich, wie das Maxim Gorki Theater Kafkas «Amerika»-Roman liest: eine Textraserei, in der sich das achtköpfige Ensemble nicht nur den 16-jährigen Protagonisten Karl Roßmann reihum zuwirft, auf kreiselnder Drehbühne im Dauerlauf durch den Szenenparcours hechtet, von verzerrt-verfremdeter Sprechhaltung zu verbogenen Körpern switcht, getrieben von...
