Selbstschutzlämmer und Selbstbetrugsschweine

Tschechow «Platonow»

Sie stehen alle mit dem Rücken zur Wand. Auch wenn die wegbricht, tut sich für die vom Leben gelangweilte und vom Tod verschmähte Gesellschaft keine Weite und Perspektive auf: Hinter der Wand kommt noch eine Wand, und man weiß, das geht so weiter, ohne Ausweg. Manchmal kleben die Figuren förmlich an dem nur oberflächlich noblen Bretterverhau, als ob auch morsches Holz magnetisch wirken könnte; dann kauern sie in verkrampften, unnatürlichen Stellungen. Aufrecht zwar, aber in Wirklichkeit blickt man auf sie herab, wie sie im freien Fall aus der Ordnung wegkippen.



Dabei sind Wirklicheit und Ordnung das Letzte, was Georg Schmiedleitner in seiner Inszenierung von Tschechows «Platonow» am Nürnberger Theater diesen Figuren gönnt. Der Bankrott hat sich auf der öden Spielfläche (Bühne: Florian Parbs) flächendeckend ausgebreitet und ist längst auch in die Seelen der verzweifelt glücklosen Glücksfanatiker gekrochen. Sie haben ihr Geld und ihre Ideale verloren,
verscherbelt und versoffen, jetzt warten sie untätig und um Erlösung plappernd nurmehr auf den großen Knall. Der wird sich als Verpuffung herausstellen, und in der Realität werden die Bankrotteure weiter dahinvegetieren, als wär alles ...

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Theater heute Juni 2010
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Bernd Noack

Vergriffen