Geschichte von unten

Ann-Christin Focke «Himmel sehen»

Kinder sind bekanntlich ein gelehri­ger Spiegel ihrer Umgebung. Ihre Fähigkeit zur Anpassung, selbst an die brutalsten Verhältnisse, ist gleichzeitig Überlebensstrategie und Verhängnis, wobei die Frage, ob etwas nützlich oder schädlich ist, notgedrungen der Unterscheidung, ob richtig oder falsch, vorangestellt wird. Dass ausgerechnet in Schwaben und Württemberg noch bis ins 20. Jahrhundert hinein Kinder­arbeit in großem Stil betrieben wurde, weiß man spätestens durch Jo Baiers herzerschütterndes Fernsehdrama «Schwabenkinder» aus dem Jahr 2003: Seit dem 18.

Jahrhundert zogen jedes Frühjahr Hunderte von kleinen Wanderarbeitern auf beschwerlichen We­gen übers Gebirge, um sich auf den Kin­der­märkten in Ravensburg oder Wangen an reiche Bauern zu verdingen. Ein hung­riger Esser weniger am Tisch und dafür auch noch Geld in der Haushalts­kasse – für die verarmten Familien aus den Tiroler Bergtälern war der Verkauf der Kinder oft die einzige Möglichkeit zu überleben, für die florierende schwäbische Landwirtschaft eine willkomme­ne Quelle billiger Arbeitskräfte und – aus heutiger Sicht – ein Stoff für kernig-sozialkritische Geschichtsbewältigung im ambitionierten History-Format.
Nicht so im ...

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Theater heute Juli 2006
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Silvia Stammen

Vergriffen