Das Manifest des Kritikers

Der Theaterkritiker der «Süddeutschen Zeitung», Christopher Schmidt, hat in der Wochenendbeilage vom 11./12. November ein «Manifest» veröffentlicht, in dem er das «deutsche Theater» bezichtigt, «Gefühle verboten» zu haben und dabei «total auf den Hund gekommen» zu sein. Die Generalabrechnung macht sich an häufigem Theaterblutgebrauch etwa bei Jürgen Goschs Düsseldorfer «Macbeth»-Inszenierung fest, prangert «Ekel-Stunts» von Schauspielern am Berliner Maxim Gorki Theater an oder spärlich bekleidete Schauspieler in Nicolas Stemanns Hamburger Jelinek-Uraufführung «Ulrike Maria Stuart». Besonders der Beruf des Schauspielers sei in Mitleidenschaft gezogen: «Nackt im Regen steht heute nur der deutsche Schauspieler: vollgeschmiert und aus Kübeln übergossen, die Stimme übertönt von Pop-Songs, das Gesicht überschattet von Videoclips, spielt er das Lachhafte der eigenen Trash-Existenz gleich mit.» Mit rhetorischer Geste fragt Schmidt, ob daran immer noch Hitlers Theaterbegeisterung und Gründgens’ «behexend virtuose Menschendarstellung» schuld seien, die das bürgerliche Einfühlungstheater diskreditiert hätten: «Ist dies der Grund, weshalb der Schauspieler immer noch sühnen muss – weil in ihm ein möglicher Demagoge steckt?» Die Folgen seien allüberall katastrophal: «Heutige Aufführungen vernichten gerne im großen Stil Zeit und Geld und feiern den wertlosen Augenblick. Materialermüdung, erloschene Lust und Hundehaltertonfall sind seine Wahrzeichen.»

Hört her! Der Theaterkritiker hat ein Manifest geschrieben. Und was für eins. Es strotzt nur so von altbackenen Phrasen, von Unterstellungen und Bezügen, die mit unserer Zeit und dem Theater, das in ihr stattfindet, kaum noch etwas zu tun haben. Der Kritiker beklagt, dass das deutsche Theater an Gefühlsarmut, an arroganten und verblödeten Regisseuren und entmündigten Schauspielern kranke. Es erzähle keine Geschichten, sondern trage nur Ideologien vor sich her. Es sei schlicht auf den Hund gekommen.

 

Manifeste schreiben für gewöhnlich Künstler, das politische Manifest mal beiseite gelassen, zumindest war das mal so, bis in die sechziger, siebziger Jahre hinein. Noch früher gab es die Futuristen und Surrealisten, die Dadaisten und dann die Situationisten, in deren Umfeld später zornige und lustige Künstlergruppen wie «Die Spur» die bayerische Gaudi zum durchaus ernst gemeinten Leitfaden ihrer politischen und ästhetischen Provokationen machten. Es ging immer darum, hinter sich die Getreuen zu versammeln und auf einen einheitlichen Stil, eine gemeinsame Haltung, einen hassenswerten Feind einzustimmen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten jedoch ist es rar geworden um die Gattung des ...

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Theater heute Januar 2007
Rubrik: Debatte, Seite 18
von Björn Bicker

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