Brüssel spinnt

Katja Hensel «Brüssel brennt, sorry»

Nach der Papierform konnte man das noch für eine gute Idee halten: den Irrsinn der europäischen Partikularinteressen und Lobbyegoismen in einem Familienstück zu spiegeln, in dem sich Solidarität und Fürsorge und die eigenen Wünsche naturgemäß in die Quere kommen.

Drei Generationen-WG also. Opa, Tochter, Enkel ziehen in eine neue Wohnung, noch unmöbliert. Sohn Jakob ist gerade vom dritten Elite­internat geflogen und soll sich jetzt um Opa kümmern, den die Demenz in die Märchenkassetten treibt.

Mutter Dora, Tierärztin, ist wochentags in Brüssel und kämpft für den Tierschutz in der Massentierhaltung, eine europäische Bürgerinitiative namens PRO VIEH e.V. – das sind die Wortspiele, die Kerstin Hensel liebt. Opa kämpft nur mit der voll­automatischen Kaffeemaschine, die auf Zuruf reagiert, und schneidet sich die Hosenbeine ab, weil ja überall gekürzt werden muss in diesem Europa. Jakobs Internatserfahrungen haben ihn gelehrt, dass Europa ein Fake ist, der sich längst in den Händen von Chinesen, Russen und Arabern befindet. Seine Abende verbringt er mit bizarren Spielchen im Selbstmörder-Club «Wald».

Als abstrakten Wald hat Timo von Kriegenstein die Bühne im Kasseler tif mit Holzstämmen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Wie spielt man Suche?

Gut möglich, dass Sven Lehmann der tiefentspannteste Mephisto war, den man bis dato im Theater sehen konnte. Wie er dem viel größer gewachsenen Faust des Ingo Hülsmann mit nachgerade zärtlicher Seher-Geste in regelmäßigen Abständen den Kopf auf die Schulter legte, während der sich in akademischer Streber-Manier schweißtreibend neben ihm abhampelte, wird keiner, der...

Blättern statt Klicken

Sie knistert verheißungsvoll bei jeder Berührung, braucht Raum – mindestens einen Sitzplatz in der U-Bahn, besser noch eine Ecke im Café –, um sich genüsslich aufzublättern und verströmt das unvergleichliche Aroma von frischem Papier, Druckerschwärze und gut gewürzter Geistesnahrung. Bei den Kindern der Post-Gutenberg-Ära könnte eine derartige Beschreibung bald nur...

Lears Infarkt

Zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen beschenkt die britische Kult-Physical-Theatre-Gruppe «Told by an Idiot» sich und die insulare Theaterwelt mit einer wunderbar skurrilen neuen Produktion. «Idiot»-Veteran Paul Hunter kickstartet «My Perfect Mind» in weißem Kittel, Walle-Perücke und perfektem Deutsch. Besonders Letzteres für einen Engländer eine grandiose Leistung:...