Bremen: Verwandlungspanscherei
«Ich bin Nana», stellt sich Annick Choco vor. «Ich komme aus den Armenvierteln, um die Reichenviertel zu erobern. Genau wie der Cancan.» Und dann wird getanzt: Die Beine fliegen, die Röcke heben sich, das Fleisch wirbelt, und Matthieu Svetchine probt einen kurzen Lapdance auf dem Schoß einer freundlich irritierten Zuschauerin. «Galop infernal», unterlegt mit fetten Beats, raus aus den Armenvierteln, rein ins Mehr-oder-weniger-Establishment des Bremer Theaters. Reizend.
Monika Gintersdorfer und ihre multinationale Gruppe La Fleur haben sich vor fast genau einem Jahr schon einmal in Bremen mit Emile Zolas 1880 erschienenem Roman «Nana» beschäftigt: «Nana ou est-ce que tu connais le bara?» hieß die Doppelpass-geförderte Koproduktion mit dem Pariser Theater MC93, die das Leben der Sexarbeiterin Nana als Wirtschaftsgeschichte auf der Folie selbstbestimmter weiblicher Sexualität nacherzählte. Und schließlich vor dem Ende kapitulierte, in dem Zola seine Heldin fallen ließ – ein Happy End gab es im 19. Jahrhundert nicht für Nana, als Prostituierte muss sie jämmerlich krepieren. «Es lebe Nana, der alles egal ist!», behauptete Svetchine damals, aber diese Beschwörung hatte einen hilflosen ...
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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Falk Schreiber
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Vor drei Jahren marschierten Schillers «Räuber» noch als skandierender Männer-Bund, angeschirrt und gleichgetaktet von Ulrich Rasche, im Münchner Residenztheater über tonnenschwere Riesenlaufbänder (weshalb die Inszenierung beim Theatertreffen 2017 nur als Video-Aufzeichnung gezeigt werden konnte) und erzeugten dabei mit geballtem Gruppenpathos einen aufwühlend...
