Blindgänger, implodiert

Mülheim: Roberto Ciulli inszeniert «Fassbinder» im Theater an der Ruhr

Die Verhinderung der Uraufführung von Fassbinders «Der Müll, die Stadt und der Tod» 1985 war einer der wichtigsten öffentlichen Akte der Selbstbehauptung der Juden in Deutschland nach 1945. Die schon vorangegangene Verhinderungsaktionen zeigen aber auch, dass noch weitere Interessen im Spiel waren: Die Stadt Frankfurt wollte diese Art Aufarbeitung des Häuserkampfes nicht zulassen. Noch 1998 scheiterte das Berliner Maxim Gorki Theater daran, das Quasi-Aufführungsverbot des Stückes eines der wichtigsten deutschen Theaterautoren aufzuheben, am Einspruch der jüdischen Gemeinde.



Nun hat Roberto Ciulli mit seinem Mülheimer Theater an der Ruhr den Bann gebrochen und trotz der Proteste der örtlichen jüdischen Gemeinde und des Zentralrats der Juden eine deutsche Erstaufführung herausgebracht. Fassbinder, der Mensch und Autor, steht im Mittelpunkt. Entschärfen wollten Roberto Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer das Stück sicher nicht, seine Wahrnehmung ändern aber schon: Sie zeigen, dass es ein anti-antisemitisches Stück ist. Als roter Faden dient die Selbstreflexion des Außenseiters Fassbinder in verschiedenen Rollen: Zunächst in dem frühen Stück «Nur eine Scheibe Brot» von 1966 als ...

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Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Gerhard Preußer

Vergriffen
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