Beweglicher werden

Warum sich das Theater jetzt mit sich selbst beschäftigen muss

Keine Versammlungen mehr, kein Gegenüber mehr von Mensch zu Mensch – das war und ist hart für Theaterleute in Zeiten der Pandemie. Aber mindestens ebenso hart und zutiefst verunsichernd ist die allgemeine Planungs­unsicherheit. Die darstellende Kunst ist zwar eigentlich die spontanste und unmittelbarste aller Künste. Es ist ja gerade ein Wesens­merkmal des Theaters, dass es formal und inhaltlich schnell auf Krise und Veränderungen reagieren kann. Theater jedoch, wie wir es heute kennen, ist unfassbar planungsintensiv und unflexibel. Das hat man gemerkt in der Pandemie.

Das fein verästelte, filigran gesponnene, riesige, vielfach weltweite Netz von komplexen Verabredungen, Abläufen und Plänen, aus denen jedes einzelne Theater ebenso wie die Theaterlandschaft als Ganzes besteht, wurde jäh zerrissen. Es ist nicht mal eben schnell neu geknüpft. Schon gar nicht, wenn sich die Rahmenbedingungen ständig weiter verändern und kein Ende in Sicht ist. Vor allem dort, wo nach alter Schule oben gedacht und unten gemacht wird, fallen kurzfristige Anpassungen schwer. Wohl der Institution, die in so einer Situation beweglich ist.

Die Debatte darüber, was nötig und was möglich ist, hat durch die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 54
von Anja Dirks

Weitere Beiträge
An der Beziehungsfront

Im letzten Jahr veröffentlichte der amerikanische Psychologenverband einen Ratgeber über toxische Männlichkeit. Darin wurden vorherrschende Vorstellungen von Männlichkeit in unserer Gesellschaft, wie z. B. Dominanzverhalten und Konkurrenzdenken, als krankhaft beschrieben. In der darauf entstandenen Debatte wehrte sich Slavoj Žižek dagegen, sein Mannsein als...

Für ein unsouveränes Theater

Dass ich oft die Aufführung meine, wenn ich Theater sage, zeigt sich zu Corona-Zeiten deutlicher denn je. Das Streamen dokumentierter Vorstellungen oder live vollzogener Online-Formate verweist vor allem darauf, was nun zu wünschen übrig bleibt: jene in zeitlicher wie physischer Gemeinschaft erlebte Zusammenkunft nämlich, die Zuschauerinnen wie Darstellerinnen...

Die neuen Held*innen

Einen besonders heldischen Eindruck macht Clara nicht. Alleinstehend, Mitte 40, mit heftig pubertierendem Sohn, der beim Vater und seiner neuen Freundin lebt und den sie nur am Wochenende sieht. Sie ist eine von Ewald Palmetshofers «Verlorenen», dem Stück des Jahres, die zwar erkennbar von der Erfolgsspur abgekommen sind, die eine urbane Mittelklasse vorzeichnet,...