Betriebsfeier ohne Betrieb

Die Quelle-Familie zelebriert im Fürther Theater ihren Zerfall

Es gab einmal Firmen, die mieteten sich für einen Abend ein ganzes Stadttheater, um ihren Mitarbeitern in gediegenem Ambiente mit kulturellen und kulinarischen Häppchen herzlich Dankeschön für Treue und Engagement zu sagen. Auf der Bühne sah man dann unterhaltsame Darbietungen und irgendwann den Chef, der wie ein leutseliger Kammerschauspieler in einem endlosen Monolog vom echten Zusammengehörigkeitsgefühl in seinem Laden schwärmte und zur Sicherheit noch ein paar stirngerunzelte Sorgen-Sätze dranhängte, die schwierige wirtschaftliche Lage betreffend.

Ansonsten aber war man da heiter und ausgelassen, denn die Firma ließ sich ja wirklich mal nicht lumpen.
 

Als Kapitalismus noch nett war

Solcherart war der Abend «Die Menschen von Primondo und Quelle» im Fürther Stadttheater nicht. Das heißt: eine Art Betriebsfeier war er schon – nur gab es den Betrieb nicht mehr, und die Chefs konnten nicht mehr ausfindig gemacht werden. Deswegen nannten sie die Mitarbeiter, die nun stattdessen da oben auf der Bühne standen, auch ungeniert «Lumpen». Dass die wirtschaftliche Lage schlecht ist, wussten alle Beteiligten der Feier auch ohne Warnungen aus der Konzernspitze. Schließlich hatten sie, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2010
Rubrik: Magazin, Seite 58
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Schlimm, ganz schlimm

Früher wurden noch Witze über Ostfriesen, Blondinen, Politiker oder die DDR gerissen – heute ist der Gutmensch die Zielscheibe des gepflegten Spotts. Denn hinter dem Anspruch, auch noch die beste aller Welten zu verbessern, vermuten Skeptiker nicht ganz zu Unrecht unlautere Motive. Autorin Ingrid Lausund macht gleich fünf solcher selbsternannter Menschheitsretter...

Zwischen Elite, Kunst und Quote

Der Demos», sagt Herfried Münkler, «ist aus einem Politikpartizipanten in einen staunenden Fernsehzuschauer verwandelt worden.» In ein für Populismus jedweder Art anfälliges Stimmvieh. Aus dem Volk ist eine Masse geworden, die sich lobbyistisch für Partikularinteressen zusammenfindet, ohne noch über ein Gemeinsames zu verfügen. So entsteht gewissermaßen ein neuer...

Wölfische Zeiten

Dea-Loher-Rezipienten lassen sich pauschal in zwei Gruppen teilen. Die einen, nennen wir sie Realisten, finden nach der Lektüre oder dem Besuch ihrer Stücke: So ist das Leben. Spätestens unterm Strich sind wir schließlich alle Enttäuschte, Traumatisierte, Gekränkte, Versehrte, vom Schicksal Betrogene und irgendwann Tote, und Dea Lohers Dramatik verleiht dieser...