Beobachtungen der dritten Art
Die Betrachtung von Kunst ist ein Schauspiel, an dem sich einiges ablesen lässt. Etwa der Stellenwert, den die Zuschauenden der Kunst beimessen, aber auch der Rang, den die Betrachtenden sich selbst einräumen.
Ob sie die Kunstbetrachtung als Ritual in eigens dafür errichteten Räumen zelebrieren, ob und wie sie darauf reagieren: mit Fragen, Deutungen oder heftigen Emotionen, ob sie das Werk ignorieren, womöglich gar nicht als solches erkennen und sich lieber gleich mit sich selbst oder untereinander beschäftigen, ob sie sich als Connaisseure im Wettstreit oder als Genießerinnen eines Luxusprodukts aufführen, ob sie durch die gemeinsame Betrachtung zu einer Gemeinschaft werden – all das erzählt eine Menge über das Selbstverständnis der Kunstbetrachter und ihr Verhältnis zum Kunstwerk.
Die Regisseurin Anta Helena Recke fügt diesem Vorgang noch eine weitere Ebene hinzu, indem sie ihn auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringt – also vor ein Publikum, das somit anderen Zuschauern beim Zuschauen zuschaut. «Die Kränkungen der Menschheit» zeigt drei verschiedene Situationen rund um eine übermannshohe Museumsvitrine, zu der drei Stufen hinaufführen und in der nur zwei massive, schön ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 30
von Eva Behrendt
Nur was objektiv wahr ist, ist gut und wird in «Das große Heft» eingetragen. Gefühle gehören nicht dazu. Diese trainieren sich die namenlosen Zwillinge, die während des Zweiten Weltkriegs zur Großmutter in ein kleines ungarisches Dorf ausquartiert wurden, systematisch mit speziellen Übungen ab. Drei Tage nichts zu essen gehört noch zu den leichteren. Bis aufs...
Ein Handtuch von einem jungen Mann schleicht an die Rampe. Sein Dasein ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Entsprechend meidet er die Mitte im breiten, leeren Raum der Berner Vidmarhallen. Das ist Elmar Goerdens «Sohn», Titelfigur im letzten Teil einer Trilogie, die lose an Homers Telemachos aus der «Odyssee» anknüpft und seit 2016 Stück für Stück am Theater Bern...
Jakub Shapiro ist ein Mann mit vielen Talenten: Er hat Charme, Geld, Frauen, einen gelben Opel Olympia und einen Vorschlaghammer nebst Knochensäge im Kofferraum, mit denen säumige Schuldner totgepügelt, gevierteilt und dann in den Warschauer Lehmgruben versenkt werden. Die rechte Hand und der Knochenbrecher des Warschauer Bordellkönigs und Schutzgelderpressers Jan...
