Aus zweiter Hand

Lenz «Der Hofmeister»

Am Schluss raffen sich alle noch einmal auf für ein Tableau der allgemeinen Beglückung: Der kastrierte Hofmeister hat sein Landmädchen gefunden, die ausgeflogene Jungfer Gust­chen kehrt, samt Kind, heim in den Schoß ihrer Adelsfamilie und an die Trauhand ihrer Jugendliebe Fritz von Berg. Man lächelt breit, ein Hauch von Seifenoper weht durch den Raum. Dann aber lassen alle ihre Köpfe auf die Tische sinken. Wenn die Nerven ei­gentlich zerrieben sind, fällt es schwer, aufrecht und wohlgestimmt für das Jubeltagsfoto zu posieren.

Sie fand unter erschwerten Bedin­gungen statt, die diesjährige Spielzeit­eröffnung am Bremer Haus. Vier Tage vor der Premiere fiel Hauptdarsteller Alexander Rossi mit einem Muskel­faserriss aus. Sein Ersatz in der Titelrolle, Torsten Ranft, lässt ahnen, dass diese Sportlerverletzung nicht von ungefähr kommt. Der Läufer ist hier durch­aus wortwörtlich aufgefasst. Von Beginn an wirkt er fiebernd und nervös und lässt die Beine fliegen. Seine Seele gleicht einem Schwamm, den man entsprechend ausdrucksstark aus­presst. 

Damit befinden wir uns nahe beim «Lenz» von Büchner mit seinem Interesse an der zerrütteten, manischen Existenz des Dramatikers. Ganz analog fasst ...

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Theater heute Dezember 2005
Rubrik: Chronik, Seite 40
von Christian Rakow

Vergriffen
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